18. Februar 2019 Die (zwischen-) menschlichen Auswirkungen, die es hätte oder haben könnte, wenn eingreifende Vorsorgemaßnahmen, die an gesunden Menschen vorgenommen werden, plötzlich staatlich angeordnet würden, sind in der Diskussion um eine Impfpflicht bisher wenig thematisiert worden.

 

In vielerlei Bereichen wären hier wesentliche Veränderungen des Miteinander zu befürchten:

schon jetzt gehört die Frage nach dem Impfstatus der Kinder zu den am häufigsten und am kontroversesten diskutierten Themen zwischen Eltern - nicht selten schon jetzt mit einer deutlichen moralischen Qualität. Die Eltern, deren Kinder nicht STIKO-konform geimpft sind, sehen sich häufig mit einer postulierten "moralischen Impfpflicht" und dem Vorwurf des Schmarotzertums konfrontiert und werden teilweise isoliert (s. z.B. in David Sievekings Film "Eingeimpft"). Diese Attitüde drohte zu eskalieren, wenn empfehlungskonform impfende Eltern im Falle einer staatlichen Impfpflicht auch noch "das Recht" auf ihrer Seite fühlten - drohte uns dann eine neue Unkultur von Denunziation abweichender Eltern bei den Gesundheits- oder Jugendbehörden?

Das ethische Problem, dass bei einer Impfpflicht in letzter Konsequenz der Staat selber zur Stigmatisierung und Ausgrenzung  von Bevölkerungsruppen (hier: von Familien mit nicht empfehlungskonformer Impfstrategie) beiträgt und diesen einen vorhandenen oder eben nicht vorhanden "Wert" für die Gesellschaft zuschreibt, wird von Medizinethikern scharf kritisiert (Haire 2018, Dean 2014).

Auch die Beziehung zwischen Patienten, Eltern und betreuendem Arzt würde durch eine Impfpflicht unwiederbringlich qualitativ zutiefst verändert:

die Rolle des Arztes wäre nicht mehr die eines uneingeschränkt dem Wohl des einzelnen ihm anvertrauten Kindes/Patienten verpflichteten Begleiters, Beraters und Heilers, er sähe sich im Falle einer Impfpflicht dem Vorwurf ausgesetzt, Teile seines ärztlichen Tuns seien die bloße Erfüllung staatlicher Vorgaben, die - so lautet ja gerade eines der gängigen Argumente der Impfeuphoriker - eben nicht nur den Individualschutz, sondern "das große Ganze", "Ausrottung von Keimen auf Bevölkerungsebene" (s. hier) und andere vorgeblich hehre Ziele im Auge haben. Es ist kaum vorstellbar, dass eine solche tiefgreifende Veränderung des Vertrauensverhältnisses nicht auf andere Bereiche ärztlichen Handels abfärbt - dies umso mehr, als der Arzt ja nicht nur Erfüllungsorgan staatlicher Zwangsmaßnahmen, sondern auch Erfassungsorgan eventueller Verstöße wäre, er sich also in der Pflicht sähe, Impf-Abweichler behördlich zu denunzieren und damit noch näher zu definierenden Repressalien auszusetzen.

Eine Impfberatung oder -aufklärung wäre im Falle einer Impfpflicht ohnehin hinfällig - sie macht nur im Falle einer sich ergebenden Entscheidungsfreiheit Sinn. Dies beträfe naturgemäß vor allem Ärzte, deren Impfaufklärung sich nicht jetzt schon auf das Aushändigen von Hochglanzbroschüren, die "mit freundlicher Unterstützung der Firma XY"gedruckt sind, beschränkt.

Jede Impfpflicht muss notgedrungen sanktionsbewehrt sein - in der Regel werden hier entweder finanzielle Repressalien verhängt (Bußgelder, Steuerliche Nachteile, ... "No jab, no pay"), oder der Zugang zu staatlichen Kinderbetreuungseinrichtungen wie Krippen, Kindergärten oder gar Schulen wird verwehrt ("No jab, no play"). Medizinethiker wenden ein, dass die Sanktionen neue soziale Ungerechtigkeiten schafften, da es Eltern gäbe, die ihnen entstehende finanzielle Nachteile problemlos tragen und den Ausschluss von öffentlicher Kinderbetreuung durch das Ausweichen auf private, kostenpflichtige Betreuungsangebote kompensieren könnten und andere Familien, denen das nicht möglich wäre (Williamson 2018, Faden 1986). Damit erreichte man das genaue Gegenteil, der von Impfpflichteuphorikern gerne reklamierten "größeren sozialen Gerechtigkeit", in dem vermeintlich die gesellschaftliche Aufgabe der Infektionprävention per Dekret auf alle ausgeweitet würde (zur fehlenden Wirksamkeit der Impfpflicht in dieser Hinsicht s. hier).

Aber auch "der Impfgedanke" an sich könnte Schaden nehmen, da staatliche Zwangsmaßnahmen immer Gefahr laufen, Widerstand zu provozieren, der nicht sachlich fundiert ist, sondern um des Widerstandes selbst wegen entsteht. Damit kämen zu den Eltern, die ihre Kinder bislang aus sachlichen Gründen nicht oder nicht vollständig impfen, diejenigen hinzu, die dies tun, weil sie dem Staat das Recht absprechen, so tief in verbriefte Grundrechte einzugreifen und die damit dann schlicht gegen diese staatliche Repression protestieren. Dass dies eine durchaus substantiierte Befürchtung ist, wurde in Deutschland interessanterweise gerade von einer der Protagonistinnen der Impfeuphorie, Prof. Cornelia Betsch, untersucht und nachgewiesen: "Compulsory vaccination increased the level of anger among individuals with a rather negative vaccination attitude, whereas voluntary vaccination did not. This led to a decrease in vaccination uptake by 39% in the second voluntary vaccination (reactance)." (Betsch 2016).

Gerade auch dieses Argument - die zu erwartende Verschlechterung der Akzeptanz von Schutzimpfungen in der Bevölkerung Im Falle einer staatlichen, strafbewehrten Impfpflicht - hat, in Verbindung mit den in Deutschland bislang auch ohne drakonische Maßnahmen erreichten guten Durchimpfungsraten, seit Jahren die wirklichen Fachleute und Verantwortlichen zum Thema Impfen, die Vorsitzenden der STIKO, unermüdlich Position gegen eine Impfpflicht beziehen lassen (z.B. Mertens 2018, Leidel 2018, 2015).

Literatur

Betsch C. 2016. The European Journal of Public Health. 26(3):378–81
Dean R. 2014. Bioethics. 28(8):414–19
Faden R. 1986. A history and theory of informed consent. New York and Oxford. Oxford University press
Haire B. 2018. Journal of Bioethical Inquiry. 15(2):199–209
Leidel J. 2018. Braucht Deutschland eine Impfpflicht? DLF - Sendung vom 24.02.2018.
Leidel J. 2015. Eine Masernimpfpflicht wird nichts bringen. Wirtschaftswoche vom 24.02.2015
Mertens T. 2018. Braucht Deutschland eine Impfpflicht? Apotheken-Umschau vom 06.02.2018
Mertens T. 2018. „Für ein fortschrittliches Land haben wir zu viele Masern-Fälle“. DLF - Sendung vom 30.11.2018
Williamson L. 2018. BMC Medical Ethics. 19(1):84 ff.