Der Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung spricht sich in der aktuellen, hochpolarisierten Diskussion ausdrücklich gegen die derzeit von verschiedenen Politikern wieder einmal geforderte Masern-Impfplicht aus und begründet dies im Folgenden:

Seit mehr als 30 Jahren wird in Deutschland gegen Masern geimpft. Auch wenn die Sterblichkeit an Masern in Deutschland schon deutlich vor der Einführung der Impfung zurückging, hat durch die Impfung die Zahl derjenigen Menschen deutlich abgenommen, die noch Masern hatten und ihr Leben lang immun sind – denn nur die Erkrankung, nicht aber die Impfung hinterlässt eine sichere, lebenslange Immunität. Viele jüngere Erwachsene wissen nicht, ob sie Masern hatten oder ob – und wenn, dann wie oft – sie geimpft sind.

Das Verschwinden der Masern hat zur Folge, dass die Geimpften ihr Immun-Gedächtnis nicht mehr durch Kontakt mit dem Wildvirus auffrischen. Mindestens fünf Prozent der Maserngeimpften verlieren daher im Lauf der Jahre ihren Schutz. Auch eine nochmalige Impfung bessert diese Situation nicht.

Durch das Zurückdrängen der Erkrankung durchleben viele Menschen Masern heute nicht mehr im eigentlich typischen Kindesalter, sondern sind im Erwachsenenalter noch gefährdet durch die Erkrankung, die dann eine wesentlich höhere Komplikationsrate hat.

Ähnlich unsicher ist die Situation von Kindern im ersten Lebensjahr: nur Mütter, die Masern durchlebt haben, geben ihren Säuglingen einen verlässlichen Nestschutz für das erste Lebensjahr mit – der Nestschutz geimpfter Mütter ist viel weniger sicher und wesentlich kürzer.

Säuglinge und Erwachsene sind also als unmittelbare Folge der bisherigen flächendeckenden Impfkampagne durch Masern besonders gefährdet – gerade die beiden Bevölkerungsgruppen mit der höchsten Komplikationsrate.

Einige Ärztefunktionäre, Politiker und Medien fordern zur Lösung des Problems eine obligatorische Masernimpfung für alle Kinder. Es ist jedoch zweifelhaft, ob sich durch eine solche Impfpflicht die Herden-Immunität in der Gesamtbevölkerung entscheidend verbessern lässt. Verheerend könnten aber die politischen Folgen einer solchen Maßnahme sein.

Was spricht gegen eine Masern-Impfpflicht?

  • Die allermeisten Kinder sind heute auch ohne Impfpflicht gegen Masern geimpft – die Impfquoten liegen bei 92 bis 96 Prozent. Impflücken gibt es vor allem bei Jugendlichen und Erwachsenen. Eine Impfpflicht in diesen Altersgruppen ist nicht sinnvoll geschweige denn praktikabel.

  • Die Masernkrankheit kann höchstens eingedämmt werden, sie wird aber nie verschwinden. Auch die zweimalige Impfung schützt langfristig höchstens 95 Prozent der Geimpften, und das Virus kann durch Reisende oder Migranten jederzeit wieder eingeschleppt werden.

  • Eine Impfpflicht erfordert eine solide Datenbasis zur langfristigen Unbedenklichkeit der MMR-Impfstoffe. Gerade diese Impfstoffe sind jedoch nach Aussage der renommierten Cochrane Collaboration ungenügend auf ihre Sicherheit untersuchti.

  • Eine Impfpflicht im Fall der Masern ist mit dem Grundgesetz (Art. 2 II) bzw. dem Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht vereinbar. Sie kann laut Infektionsschutzgesetz nur ausnahmsweise und vorübergehend für bedrohte Bevölkerungsteile ausgerufen werden, wenn mit einer „epidemischen Verbreitung zu rechnen ist“ – das heißt bei einem ansonsten unaufhaltbaren Ausbreiten der betreffenden Erkrankung. Dieser ist aber bei einer schon ohne Impfpflicht erreichten, hohen Durchimpfung von über 90% nicht möglich.

  • In den letzten 10 Jahren gab es kein Jahr, währenddessen in Deutschland mehr als 2 Patienten an Masern verstorben wären – so tragisch diese Einzelfälle sind, sie taugen kaum zum Begründen eines so gravierenden Eingriffs in verfassungsverankerte Grundrechte.

  • Auch ohne Impfpflicht kann bisher ein ausreichender Schutz der Bevölkerung vor Masern erreicht werden. Quarantäne-Anordnungen und Impfappelle sind bewährte Maßnahmen zur Eindämmung einzelner Krankheitsausbrüche. Die seit Jahren beständig steigenden Masern-Impfquoten zeigen, dass die Bürger für Argumente und sachgerechte Aufklärung zugänglich sind.

  • Das Ausrufen einer Impfpflicht würde das Verhältnis zwischen Bürgern und Staat schwer beschädigen. Der Widerstand gegen die Pflicht könnte sich kontraproduktiv auswirken und zu einem Widerstand gegen Impfungen überhaupt führen.

 

Dr. Karl-Reinhard  Kummer, Kinder- und Jugendarzt, Berlin

Dr. Martin Hirte, Kinder- und Jugendarzt, München

Dr. Steffen Rabe, Kinder- und Jugendarzt, München,

Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Kinder- und Jugendarzt, Berlin

für den Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung eV