Die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts bei Ausbrüchen ansteckender Erkrankungen treiben immer absurdere Blüten. Ab sofort sollen nach Ansicht dieser Behörde alle ungeimpften Kinder, die Kontakt zu einem Windpockenkranken hatten, 16 Tage vom Besuch des Kindergartens oder der Schule ausgeschlossen werden – es sei denn, sie lassen sich innerhalb von drei Tagen nach Krankheitskontakt impfen (so genannte „Inkubationsimpfung“) (RKI 2017a). Hinzu kommt im Krankheitsfall dann noch das Besuchsverbot von KiTa/Schule für eine Woche.

Da die Impfquoten gegen Windpocken bei Schülern je nach Alter und Bundesland zwischen 0 und 94 % liegen (RKI 2017b), müssten viele Einrichtungen bei einem einzigen Windpockenfall ohne diese Inkubationsimpfung de facto geschlossen werden. Zum Besuch der KiTa/der Schule zugelassen werden nur Kinder, die Windpocken hatten oder die ein- oder zweimal geimpft sind. Dass es den Behörden mit dieser Regelung mehr um die Durchsetzung der umstrittenen Impfempfehlung (s.u.) als um den Schutz der Gemeinschaftseinrichtung vor der Erkrankung geht, wird schon daraus ersichtlich, dass zumindest eine einmalige Impfung nachgewiesenermaßen unwirksam ist zur Eindämmung von Windpockenausbrüchen "One dose is [not sufficient] to prevent limited virus circulation and outbreaks.(Marin 2016).

Inwieweit die Impfung nach möglicherweise erfolgter Ansteckung überhaupt dazu beiträgt, die Weiterverbreitung von Windpocken einzudämmen, ist unklar; bisher vorliegende, unabhängige Untersuchungen beschäftigen sich praktisch ausschließlich mit dem individuellen Schutz des nach der Ansteckung Geimpften vor der Erkrankung. Hier scheint die Impfung einen individuellen Schutz vor allem vor schweren Krankheitsverläufen zu vermitteln, obwohl die unabhängige Cochrane-Collaboration in einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2014 die meisten hierzu vorliegenden Studien als unzureichend verwirft; es bleiben – so die Autoren – drei (!) verwertbare Studien (von denen zwei auch noch wesentliche Verzerrungen der Daten aufweisen) mit insgesamt 110 (!) untersuchten Kindern, für die sich ein Schutzeffekt vor allem vor schweren Windpockenerkrankungen nachweisen lässt (Macartney 2014). Die WHO beziffert diesen (ohne Literaturangabe) mit 79 – 100%, der Schutz vor Windpockenerkrankungen jedweden Schweregrades wird von der WHO mit 9 (!) – 93% angenommen (WHO 2014). Entscheidend ist in diesem Zusammenhang aber, dass auch nach einer Inkubationsimpfung beim Geimpften eventuell komplikationslos und leichter verlaufende Windpocken dennoch ansteckend sind (Ferson 2001) – womit das vom RKI vorgeblich verfolgte Ziel der Eindämmung des jeweiligen Ausbruchs mehr als fraglich ist.

Das RKI verweist auf vermeintlich hohe Erfolgsquoten der Windpockenimpfung bei der Reduzierung der Krankheitsfälle (Rieck 2017), ignoriert dabei aber, dass die Impfung bisher noch durch regelmäßigen Kontakt der Geimpften zu „Wild-Windpocken“ geboostert, der Impfschutz also aufgefrischt und verstärkt wird – die so genannte Honeymoon-Phase einer Impfstrategie, die über die langfristigen Auswirkungen eines Impfprogramms noch keine abschließenden Aussagen zulässt. Daher bedient sich das RKI mathematischer Modelle, um diese langfristigen Effekte zu prognostizieren - ein solches Modell aus dem Jahr 2016 kommt zu folgenden Ergebnissen:

  • Die Häufigkeit von Windpocken bei Erwachsenen werde sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte „etwa verdoppeln“ - Erwachsene haben aber bei Windpocken eine deutlich höhere Komplikationsrate und Sterblichkeit.

  • Todesfälle an Windpocken nähmen demnach zumindest über einige Jahrzehnte durch die Impfstrategie zu.

  • Auch die Häufigkeit an Gürtelrose (Herpes zoster) stiege in Deutschland – so die Prognose des RKI – über mehrere Jahrzehnte hinweg an

  • All diese Effekte ließen sich durch den Stopp der Impfstrategie wieder auf die Situation vor der Impfeinführung zurücksetzen. (RKI 2016)

Auch wenn die Gültigkeit mathematischer Prognosen immer eine hohe Unsicherheit aufweist: die vom RKI mathematisch prognostizierte Zunahme der Fälle von Gürtelrose ist mittlerweile in Ländern wie den USA oder Australien, die schon seit vielen Jahren gegen Windpocken impfen, zu beobachten (Nelson 2010, Goldman 2014, Horn 2016).

Da Windpocken während der Schwangerschaft das ungeborene Kind schädigen können (Doerr 2013), sind Mädchen und Frauen der „Generation Windpockenimpfung“ besonderen Risiken ausgesetzt. Ihr Impfschutz wird durch den abnehmenden Wildviruskontakt immer seltener aufgefrischt und aussagekräftige und unabhängige Studien über die Dauer des reinen Impfschutzes gibt es bislang nur über Zeiträume von weniger als zehn Jahre. Die Möglichkeit zu diesem Wildviruskontakt wird durch die jetzt dekretierten Quarantänemaßnahmen noch einmal wesentlich reduziert

Die Windpockenimpfung ist in Deutschland seit 2004 für alle Kinder ab dem 12. Lebensmonat empfohlen. Grundlage der Impfeinführung war seinerzeit eine von unabhängigen Fachpublikationen scharf kritisierte, vom Impfstoffhersteller GlaxoSmithKline finanzierte Telefonumfrage (!) in ärztlichen Praxen zur Ermittlung der Komplikationsraten (a-t 2004) und eine vom selben Konzern gesponserte Studie zur Kosteneffektivität der Impfung (Banz 2003). Ein wesentliches Argument für die Einführung in Deutschland waren seinerzeit ökonomische Überlegungen (weil die im typischen Fall harmlose Erkrankung eine Massenimpfung schon damals nur schwer rechtfertigen konnte?) (Wutzler 2002), diese gingen jedoch von der Notwendigkeit einer einmaligen Windpockenimpfung aus. Nachdem sich diese Strategie als wenig effektiv erwies und mittlerweile in fast allen Ländern, die die Windpockenimpfung überhaupt empfehlen, eine zweimalige Impfung durchgeführt wird (was die damals angenommenen Kosten schlicht verdoppelt) kommen zahlreiche gesundheitsökonomische Modellierungen zu dem Ergebnis, die (zweimalige) Windpockenimpfung sei eben nicht kosteneffektiv sondern belaste ohne Not die Ressourcen der betroffenen Gesundheitssysteme (Goldmann 2014). Selbst die WHO räumt ein, dass unter Berücksichtigung der befürchteten Zunahme an Herpes zoster keine Kosteneffektivität der Impfung anzunehmen ist (WHO 2014), und dabei sind bei diesen Berechnungen mögliche positive Effekte der Windpockenerkrankung noch nicht einmal berücksichtigt: das Durchleben von Windpocken ist in Studien assoziiert mit einem signifikant geringeren Risiko für allergische Erkrankungen wie Asthma oder Neurodermitis (Silverberg 2011), Diabetes mellitus, Knochen- und Hirntumoren (Wrensch 1997, ESPED 1998, Frentzel-Beyme 2004).

In dieser Situation wundert es nicht, dass innerhalb der EU die Impfkommissionen der allermeisten Mitgliedsländer die Windpockenimpfung nicht empfehlen (die Impfung ist derzeit nur in sieben von 28 Ländern der EU empfohlen) (ECDC 2015).

Diese also auch unter Fachleuten und nationalen Impfkommissionen hochumstrittene Impfempfehlung wird nicht sinnvoller, wenn man die im Kindesalter in der ganz überwiegenden Mehrzahl der Fälle harmlose Erkrankung mit weitreichenden Quarantänemaßnahmen dramatisiert. Mit der neuen Empfehlung will das Robert-Koch-Institut offenbar den deutschen Sonderweg der Windpockenimpfung aller Kinder zementieren und diejenigen Eltern zur Disziplin zwingen, die sich der Windpockenimpfempfehlung verweigern – eine soziale de facto-Impfpflicht durch die Hintertür, bei der wieder einmal – wie es ein deutscher Verfassungrechtler formuliert – „das Allgemeininteresse an einer hohen Durchimpfungsrate bis zur Grenze jeglicher Abwägungsresistenz in den Vordergrund gerückt worden ist“. (Zuck 2014). Inwieweit daher eine solche Regelung juristisch Bestand haben wird (schließlich wird mit dieser fragwürdigen Quarantäneregelung massiv in die Selbstbestimmung der Eltern und die Schulpflicht eingegriffen), wird wohl erst in Präzedenzurteilen deutscher Gerichte geklärt werden können.

Betroffene Eltern werden sich zukünftig sehr genau überlegen, ob sie mit ihren windpockenerkrankten Kindern tatsächlich kinderärztlichen Rat suchen und damit risikieren, an die Gesundheitsbehörden gemeldet zu werden – auch dies ein vielleicht gar nicht ungewollter Nebeneffekt seitens der Behörden, weil damit die unkomplizierten Windpockenfälle (und das sind ja die allermeisten) zukünftig in die Meldestatistik weniger stark eingehen und die wenigen tatsächlich komplizierten Fälle, bei denen Arztkontakt und Meldung in Kauf genommen werden, relativ immer häufiger werden. So werden die Windpocken auch nach den Meldedaten immer gefährlicher.... .

Die „Ärzte für individuelle Impfentscheidung eV“ fordern das Robert Koch-Institut daher mit Nachdruck auf, die verabschiedete Quarantäneregelung zurückzunehmen.

 

Literatur

a-t (Arzneitelegramm). a-t 2004, 35 (8): 80 f.

Banz, K. et al. Vaccine 2003, 21 (11–12): 1256–1267.

Doerr H.W. Med Microbiol Immunol. 2013 Aug;202(4):257-8.

ECDC. 2015. Varicella vaccination in the European Union. Stockholm

ESPED Jahresbericht 1998. http://www.esped.uni-duesseldorf.de/esped/resources/files/Jahresbericht%201998.pdf. Abruf 16.10.2017

Ferson MJ. Communicable Diseases Intelligence, Volume 25, Issue number 1 - January 2001

Frentzel-Beyme, R. Cancer Detect Prev. 2004;28(3):159-69.

Goldman G.S. et al., Hum Exp Toxicol. 2014 Aug; 33(8): 886–893.

Horn et al., Hum Vaccin Immunother. 2016 Jul 2;12(7):1766-76.

Macartney K et al. 2014. In Cochrane Database of Systematic Reviews, ed The Cochrane Collaboration. Chichester, UK: John Wiley & Sons, Ltd

Marin M. et al. Pediatrics. 2016 Mar;137(3):e20153741.

Nelson M.R. et al. Med J Aust. 2010 Jul 19;193(2):110-3.

Rabe S. https://www.impf-info.de/pdfs/Impfempfehlungen_Westeuropa_2017.pdf. Abruf 16.10.2017

Rieck T. et al. Euro Surveill. 2017;22(17):pii=30521

RKI. Epidemiologisches Bulletin 2016(19): 167-169

RKI (Robert Koch- Institut) (2017a): Windpocken, Herpes zoster (Gürtelrose). RKI-Ratgeber für Ärzte. Abruf 12.10.2017

Robert Koch-Institut. 2017. Epidemiologisches Bulletin. 2017(16):137–42

Silverberg J. I. et al. Pediatr Allergy Immunol 2011, 23 (1): 50–58. Abruf 24.10.2017

WHO. Varicella and herpes zoster vaccines: WHO position papers, June 2014.

Wrensch M. Am J Epidemiol. 1997 Apr 1;145(7):594-7. Abruf 24.10.2017

Wutzler P et al. 2002. Deutsches Ärzteblatt. 15:A1024–1029

Zuck R.: Welche Vorgaben müssen erfüllt sein, um den Fortbestand einer öffentlichen Impfempfehlung zu rechtfertigen? Aus: Schiller, H. (Hg.): Kriminologie und Medizinrecht, Festschrift für Gernot Steinhilper. Heidelberg, 2013. S. 195