Seit Sommer 2006 empfiehlt die Ständige Impfkomission für alle Kinder in den ersten 2 Lebensjahren die Impfung gegen Pneumokokken. Impfbeginn ist der dritte Lebensmonat.

Lesen Sie hier, was Sie über Erreger, Krankheit und Impfung wissen müssen.

Die Krankheiten durch Pneumokokken

Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae) kommen bei mehr als  jedem zweiten Kind und vielen Erwachsenen als harmlose Rachenbewohner vor. Sie können aber auch eitrige Entzündungen hervorrufen: Mittelohr, Nasennebenhöhlen, Lungen, Gehirnhäute (Meningitis), Blutvergiftung (Sepsis). Es gibt mehr als 90 verschiedene  Typen von Pneumokokken mit unterschiedlicher Gefährlichkeit und weltweit unterschiedlicher Verteilung.

Im Kindesalter werden ein Drittel aller eitrigen Mittelohrentzündungen und die Mehrzahl aller bakteriellen Lungenentzündungen durch Pneumokokken verursacht. Bei Erwachsenen ist mehr als jeder dritte schwer verlaufende Atemwegsinfekt durch Pneumokokken hervorgerufen oder kompliziert.

Pneumokokken-Erkrankungen sind antibiotisch  behandelbar, die  Resistenz der Erreger nimmt jedoch weltweit zu wegen der häufigen und unnötigen Verschreibung von Antibiotika. Einen gewissen Schutz bietet die Ernährung mit Muttermilch.

Risikogruppen für Pneumokokken-Erkrankungen sind

  1. Kinder in den ersten beiden Lebensjahren, ehemalige Frühgeborene und Mangelgeborene
  2. Patienten, denen die Milz entfernt werden musste,
  3. Patienten mit bestimmten Grunderkrankungen, v.a. chronischen Herz-Kreislauf-, Lungen- und Nierenerkrankungen, Diabetes, Cochlea-Implantat, Sichelzellanämie und Immunschwäche (z.B. bei HIV-Infektion, Down-Syndrom, Krebs oder Unterernährung),
  4. Raucher (und Passivraucher)
  5. Alte Menschen

Bei Kindern in den ersten Lebensjahren sind die wichtigsten Risikofaktoren (nach TAKALA 1995, LEVINE 1999, PEREIRO 2004):

  1. Keine Muttermilchernährung (4faches Risiko)
  2. Kinderkrippe (4faches Risiko)
  3. Passivrauchen (2-3faches Risiko)

Auch medikamentöse Fiebersenkung begünstigt Pneumokokkeninfekte (JEFFERIES 2012).

Jährlich kommt es in Deutschland durchschnittlich zu 380 schweren Pneumokokkenerkrankungen bei Kindern, darunter etwa 40 Prozent Fälle von Meningitis (RÜCKINGER 2008). Etwa 12 Kinder sterben jährlich durch diese Erkrankungen, bei 35 Kindern kommt es zu Folgeschäden - in erster Linie zu Hörstörungen, aber auch zu Lähmungen, Anfallsleiden oder Entwicklungsverzögerungen (VON KRIES 2000).

Bei Erwachsenen soll eine von zwanzig Lungenentzündungen durch Pneumokokken verursacht oder kompliziert sein. Großzügige Schätzungen sprechen von bis zu 10000 alten Menschen, die jährlich durch Erkrankungen sterben, bei denen Pneumokokken mitverursachend sind (SCHMITT 1999)

 

Die Pneumokokken-Impstoffe

Derzeit gibt es in Deutschland drei Totimpfstoffe gegen Pneumokokken:

1. Prevenar 13:

Zulassungsstudie mit 1200 Säuglingen aus Deutschland und USA. Die Studie wurden allerdings mit einer anderen Impfstoffzubereitung (ohne Polysorbat 80) gemacht als der auf den Markt gekommene Impfstoff und sind daher von fraglicher Relevanz (AT 2010). Antigen von 13 Pneumokokkentypen, zugelassen vom 3. Lebensmonat bis Ende 2. Lebensjahr. Zusatzstoff Aluminiumphosphat (Aluminiumgehalt 0,125 mg). Prevenar 13 ersetzt den alten Impfstoff Prevenar (seit Februar 2010 nicht mehr im Handel) und soll 80 Prozent der Pneumokokken erfassen, die in Europa zu invasiven Erkrankungen führen.

Empfohlene Dosierung:

  • Ab 3. Lebensmonat: 2x im Abstand von 2 Monaten, 3. Impfung im 2. Lebensjahr
  • ab dem 13. Lebensmonat: 2 Impfungen im Abstand von 2 Monaten

Kosten für drei Dosen: ca. 240 Euro

 

2. Synflorix

Zulassungsstudie mit 1650 Säuglingen aus Finnland, Frankreich und Polen. Zugelassen seit April 2009 für Kinder ab dem 3. Lebensmonat. Antigene von 10 Pneumokokkentypen. Außer der Zulassungsstudie sind bisher keine Daten erhältlich, insbesondere nicht für Kinder mit erhöhtem Risiko für Pneumokokken-Infektionen. Impfschema wie bei Prevenar. Aluminiumgehalt 0,5 mg. Soll 80 Prozent der Pneumokokken erfassen, die in Europa zu invasiven Erkrankungen führen.

Kosten für drei Dosen: ca. 200 Euro

 

3. Pneumovax 23:

Antigen von 23 Pneumokokkentypen, zugelassen ab dem 3. Lebensjahr. Zusatzstoff: Phenol.

Dosierung:

  • Einmalige Impfung. Wiederholung nach frühestens 3 Jahren v.a. bei Hochrisikopatienten.

Bei chronisch kranken Kindern, die in den ersten beiden Lebensjahren mit Synflorix oder Prevenar 13 geimpft wurden, kann der Impfschutz ab dem dritten Lebensjahr mit Pneumovax-23 „verbreitert“ werden.

 

Die Wirksamkeit der Pneumokokkenimpfstoffe

1. Pneumokokkenimpfstoffe für unter 2jährige (Prevenar, Synflorix)

In den USA ließ sich durch den alten Impfstoff Prevenar ein Teil der schweren Pneumokokken-Erkrankungen bei Kleinkindern verhindern (BLACK 2000). Die Gesamtrate an Pneumokokken-Meningitisfällen sank zwischen 1998 und 2005 in mehreren amerikanischen Städten um etwa 30 Prozent, bei unter Zweijährigen um 50 Prozent (HSU 2009). Ungeimpfte profitieren von dem „Herdeneffekt“ der herabgesetzten Erregerzirkulation.

In Europa war der Nutzen von Prevenar sehr uneinheitlich. Einen positiven Ausreißer bildete Norwegen: Dort hat der Impfstoff zu einem Rückgang schwerer Pneumokokken-Erkrankungen um 74 % geführt (VESTRHEIM 2008). In den übrigen Ländern war der Impfeffekt weit weniger überzeugend. Die Übersichtsarbeit eines spanischen Forscherteams gab einen auffallend schwachen Impfeffekt vor allem in solchen Ländern an, in denen der Impfstoff weniger als 70% der zu Infektionen führenden Pneumokokkentypen erfasst (GUEVARA 2009). Die wichtigste Einflussgröße auf die Wirksamkeit war demnach die Verteilung der Pneumokokkentypen in dem jeweiligen Land.

Aus Frankreich wurde eine Reduktion von Pneumokokken-Erkrankungen durch Prevenar bei unter 2jährigen Kindern um 20 - 25% berichtet. Die Erkrankungshäufigkeit durch nicht im Impfstoff erfasste Pneumokokkentypen stieg seit Einführung der Impfung steil an, ebenso kam es seit Einführung der Säuglingsimpfung zu einer signifikangten Zunahme von Pneumokokken-Erkrankungen bei älteren Kindern und Erwachsenen  (LEPOUTRE 2008, AT 2009).

In Deutschland ergab die nicht systematische Erfassung des ESPED-Systems, das vom Prevenar-Hersteller Wyeth gesponsert wird, einen signifikanten Rückgang der Pneumokokken-Erkrankungen im Erfassungsjahr 2007 gegenüber den Jahren 1997 - 2002 bei unter 2jährigen Kindern (ESPED 2007, Rückinger 2009, AT 2009). Dennoch werden weiterhin schwere Pneumokokken-Infektionen auch bei Geimpften dokumentiert: 2004 und 2005 waren es je 14 Fälle, 2006 24 Fälle (ESPED 2004, 2005, 2006).

In der spanischen Provinz Navarra lag die Effektivität der Prevenar-Impfung mit 12 Prozent sehr niedrig (GUEVARA 2009). Die Chance, an einer Infektion mit nicht im Impfstoff berücksichtigten Pneumokokken zu erkranken, war dort bei den Geimpften sechsmal höher als bei den nicht Geimpften. "Die  Gesamteffektivität der Pneumokokkenimpfung bei der Verhinderung von invasiven Pneumokokkenerkrankungen dürfte daher stark eingeschränkt sein" (BARRICARTE 2007). Eine Studie aus Barcelona dokumentierte die Zunahme schwerer Pneumokokken-Infektionen seit Einführung der Impfung: Bei unter 2jährigen betrug der Anstieg 58 Prozent, bei 2-4jährigen 135 Prozent. Verantwortlich waren vor allem vier Pneumokokken-Typen, die im herkömmlichen Prevenar-Impfstoff nicht berücksichtigt sind (MUNOZ-ALMAGRO 2008).

Vier europäische Studien aus Finnland und den Niederlanden kamen zu einem negativen Ergebnis was die Verhinderung von Ohrinfektionen durch Prevenar betrifft (ESKOLA 2001, VEENHOFEN 2003, LE 2007, PALMU 2009). Auch nach dem Beipackzettel des neuen Impfstoffs Prevenar 13 "ist der zu erwartende Schutz vor allen Otitis media-Erkrankungen gering".

In Portugal war keine signifikante Abnahme schwerer Pneumokken-Erkrankungen durch Prevenar zu beobachten, jedoch eine Zunahme von im Impfstoff nicht erfassten Pneumokokken-Typen (um 71 %) und von Antibiotika-Resistenzen (DIAS 2007, AT 2009).

Bei britischen Kindern wurde in den letzten 10 Jahren eine zehnfache Zunahme (2007: 1000 Fälle pro Jahr) schwerer Lungenentzündungen durch Pneumokokken beobachtet, bei denen teilweise wegen eitriger  Rippenfellentzündungen operativ eingegriffen werden muss. Ursache sind aller Wahrscheinlichkeit nach Pneumokokkentypen, deren Ausbreitung durch die Pneumokokkenimpfung begünstigt wird (LAURANCE 2008).

Mit Einführung der Pneumokokken-Impfung ließ sich praktisch überall beobachten, dass die im Impfstoff berücksichtigten Pneumokokkentypen allmählich durch Pneumokokken anderen Typs oder auch durch andere Bakterien, etwa Problemkeime wie Staphylokokken, ersetzt werden (PELTOLA 2003, BOGAERT 2004, BLOCK 2004, ESKOLA 2005, GONZALEZ 2006, AT 2006, DIAS 2007, LEPOUTRE 2008, HSU 2009, LI 2010). Dieses "Serotype replacement" verläuft besonders rasch in den Ländern, in denen weniger als 70% der zirkulierenden Pneumokokken vom Impfstoff erfasst werden (GUEVARA 2009). Kritisch ist das zunehmende Auftreten Antibiotika-resistenter Typen, z.B. des sehr aggressiven Typs 19A (HANAGE 2007, HSU 2009), der allerdings in Prevenar 13 enthalten ist.

Auch die Entwicklung immer breiter wirkender Impfstoffe kann das Problem des Replacements nicht lösen, denn die Natur duldet keine Lücken. In den USA kommt es in den letzten Jahren bei Kleinkindern zu einer Zunahme schwerer Infektionen, vor allem eitriger Lungen- und Rippenfellentzündungen, durch bisher seltene Pneumokokkentypen und multiresistente Staphylokokken (GERTZ 2010,LI 2010).

Zu den beiden neuen Impfstoffen Prevenar 13 und Synflorix gibt es bisher keine klinischen Nutzenbelege. Ihre Wirkung wurde nur durch Antikörperuntersuchungen nach der Impfung geprüft. Prevenar 13 und Synflorix erzeugen bei mindestens zwei Pneumokokkentypen (6B und 23F) geringere Antikörper-Konzentrationen als der vom Markt genommene Impfstoff Prevenar. Gerade der Typ 6B führt immer häufiger zu Infektionen bei geimpften Kindern (AT 2010). Synflorix führt bei zwei Pneumokokkentypen (Typ 1, 5), Prevenar 13 bei bis zu vier Typen (Typ 1, 3, 5, evtl. auch 19A) zu einer relativ geringen Immunantwort.

In einem kritischen Artikel in der Impfzeitschrift "Vaccine" nimmt der indische Impfexperte Joseph L. Matthew die Strategie der WHO und der Impfstoffhersteller aufs Korn, den Pneumokokkenimpfstoff auch in Ländern der Dritten Welt salonfähig zu machen. Er schreibt wörtlich: "Der gegenwärtige Rummel um die Pneumokokkenimpfstoffen ist von Ursprung, Charakter und Inhalt her weitgehend kommerziell. Dieser kommerzielle Druck wird direkt und indirekt verstärkt durch offene und/oder stille Zustimmung von Fachleuten in individueller, institutioneller oder organisatorischer Funktion". Er schreibt weiter: "Die Industrie hat eine zweigleisige Strategie zur Verkaufssteigerung des (Impfstoffs) PCV-7 entwickelt: Das erste ist das 'akademische Gleis' durch die Organisation zahlloser gesponserter Vorträge von 'Experten', von denen viele dafür bezahlt werden. Das zweite ist das 'kommerzielle Gleis" durch umfangreiches Marketing, durch Werbung und den Verkauf des Impfstoffes an Ärzte teilweise zu 20% unter dem Einzelhandelspreis. Diese Praxis schafft bei den Ärzte eine positive Einstellung zu dem Impfstoff, der in ihrem örtlichen Umfeld von begrenzter Wirksamkeit ist" (MATHEW 2009).

Nach Angaben der BUKO Pharma-Kampagne will die (u.a. von Bill Gates gesponserte) GAVI Alliance mit einer Anschubfinanzierung von 1,5 Milliarden Dollar Pneumokokken-Impfprogramme in Ländern der Dritten Welt ins Leben rufen. Mit der Summe werden jedoch hauptsächlich die Impfstoffhersteller alimentiert, denn die eigentlichen Impfstoffe sollen die Länder selber bezahlen (BUKO 2010).

2. Pneumovax 23

Bei geimpften Erwachsenen (50 – 86 jährige) gab es in neueren Doppelblindstudien keine Verminderung von Krankenhausaufnahmen, Lungenentzündungen oder Todesfällen (ÖRTKVIST 1998, HONKANEN 1999, JACKSON 2003). Auch in einer Zusammenschau von 22 Wirksamkeitsstudien ergab sich keine signifikante Wirkung der Erwachsenen-Impfstoffe (HUSS 2009). Bei HIV-Patienten scheint sich die Gefahr von Lungenentzündungen durch die Impfung sogar zu vergrößern, vermutlich auf Grund einer Schädigung von B-Lymphozyten durch Inhaltsstoffe des Impfstoffes (FRENCH 2000).

 

Nebenwirkungen

Für Synflorix und Prevenar 13 liegen noch keine Erkenntnisse über Nebenwirkungen nach breiter Anwendung vor. Da Prevenar 13 jedoch dieselben Inhaltsstofe wie Prevenar hat, dürfte das Nebenwirkungsspektrumähnlich sein.

Alle Pneunmokokkenimpfstoffe für Säuglinge enthalten Aluminiumphosphat - ein Stoff, der im Versuch an lebenden Nervenzellen zu Nervenwachstumsstörungen und im Tierversuch zu Zelluntergang und neurologischen Funktionsstörungen führen kann (WALY 2005, PETRIK 2007)

  • Prevenar:
    • Unter den 4400 Säuglingen der Impfstudien von Prevenar 13 wurden beobachtet (EC 2009):
      • Sehr häufig (> 10 Prozent) Fieber, Reizbarkeit, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Reaktionen an der Impfstelle
      • Gelegentlich (0,1 - 1 Prozent) Erbrechen, Durchfall
      • Selten (0,01 -0, 1 Prozent) Krampfanfälle, Kollaps ("hypotone-hyporesponsive Episode), Nesselausschlag, schwere allergische Reaktionen mit Ödemen und/oder Atemnot
      Bei dem alten Impfstoff Prevenar wurden folgende Impfreaktionen bekannt:
    • Bei 40 Prozent Reaktionen an der Impfstelle (Schwellung, Rötung, Schmerzhaftigkeit), bei bis zu jedem dritten Kind in der Kombination mit weiteren Impfstoffen (Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Hib) Allgemeinreaktionen wie Fieber, Krampfanfall, Apathie, Erbrechen und Reizbarkeit,
    • bei bis zu drei Prozent nach der Impfung stundenlang anhaltendes Schreien,
    • allergische Reaktionen,
    • selten (0,01 - 0,1 Prozent) lebensbedrohlicher Schock, Krampfanfälle
    • sehr selten Blutgerinnungsstörungen (Thrombozytopenie), Gehirnentzündung
    • zwischen 2001 und 2009 wurden 43 Todesfälle bei Kindern in den ersten zwei Lebensjahren gemeldet, 34 von ihnen hatten gleichzeitig eine Mehrfachimpfung (fünf- oder sechsfach) bekommen. In den USA werden jährlich 30 Todesfälle nach Prevenar gemeldet. In den Niederlanden wurden im November 2009 nach drei Todesfällen bei Kleinkindern über 100 000 Dosen Prevenar vom Markt genommen.
  • Synflorix:
An das Paul-Ehrlich-Institut wurden bis Januar 2010 gemeldet: Mehrere Fälle von eingetrübtem Bewusstseinszustand, Apathie oder Kollaps; ein Krampfanfall; zwei Atemstillstände; ein allergischer Schock; ein plötzlicher Kindstod.
Unter den 4500 Säuglingen der Impfstudien wurden beobachtet (EMEA 2009):
  • bei 40 - 50 Prozent Reaktionen an der Impfstelle
  • sehr häufig (> 10 Prozent) Schläfrigkeit, Reizbarkeit, Appetitlosigkeit
  • häufig (1 - 10 Prozent) Fieber
  • gelegentlich (0,1 - 1 Prozent) Durchfall, Erbrechen, ungewöhnliches Schreien
  • selten (0,01 - 0,1 Prozent) Hautausschläge, Krampfanfälle. allergische Reaktionen
2009 wurden in Deutschland ein Todesfall (nach Kombination mit Sechsfachimpfung) und mehrere schwere Zwischenfälle wie Bewusstseinstrübung, Atemstillstand oder Krampfanfall gemeldet. Bei einer klinischen Studie in Argentinien kam es zu 14 ungeklärten Todesfällen (MAIL ONLINE 2008).
  • Pneumovax-23:
    • Bei bis zu 50 Prozent Beschwerden an der Impfstelle, wenige Stunden bis Tage nach der Impfung bisweilen Fieber, Muskel-, Kopf- oder Gelenkschmerzen,
    • starke Impfreaktionen mit hohem Fieber bei etwa einem Prozent der Geimpften,
    • sehr selten allergische oder neurologische Impfreaktionen und ein Zerfall von Blutzellen.

Die Impfempfehlung der STIKO

Die Impfung gegen Pneumokokken ist in Deutschland empfohlen

  • für alle Kinder in den ersten 24 Lebensmonaten
  • für alle Erwachsenen ab 60 Jahren
  • für chronisch Kranke in jedem Lebensalter

Die STIKO erhofft sich durch die Einführung der Pneumokokken-Impfung für alle unter Zweijährigen eine Senkung schwerer Pneumokokken-Erkrankungen in dieser Altersgruppe um mehr als 50 Prozent.

Die Impfempfehlung bringt auf der anderen Seite enorme finanzielle Belastungen für das Gesundheitssystem mit sich, da der Preis für die notwendigen drei Impfdosen zwischen 200 und 240 Euro beträgt. Die Gesamtkosten der Pneumokkoken-Impfung aller Säuglinge sind damit extrem hoch: Bis zu 135 Millionen Euro sind pro Jahr aufzuwenden, um 80 Prozent aller Säuglinge zu impfen und nach dem optimistischsten Szenario jährlich zehn Todesfälle und 30 Folgeschäden in dieser Altersgruppe zu verhindern.

Sicher ist dieses finanzielle Argument für viele Eltern zunächst nicht einsichtig. Die Politik der umfangreichen Umschichtung von Ressourcen in den Bereich der pharmakologischen Prävention hat jedoch weitreichende Folgen für das Gesundheitssystem, da immer weniger Mittel für andere Bereiche zur Verfügung stehen. Größere Anstrengungen im Kampf gegen den Zigarettenkonsum oder verstärkte Promotion des Stillens wären zum Beispiel eine weit billigere, effektivere und nachhaltigere Maßnahme gegen Pneumokokken-Infektionen und zahlreiche andere volksmedizinisch bedeutsame Krankheiten (NUORTI 2000).

Das deutsche Bundesministerium für Gesundheit und Soziales hatte im Jahr 2004 einen Bericht zur ökonomischen und medizinischen Effektivität der Pneumokokken-Impfung angefordert (ANTONY 2005). Der Bericht kam zu dem Schluss, dass aus ökonomischer Sicht keine Empfehlung zur generellen Aufnahme der Impfung in den Impfkalender gegeben werden könne. Vor allem für die gesetzlichen  Krankenkassen sei die Impfung nicht kosteneffektiv – und dies nicht einmal unter der Voraussetzung, dass die Impfung keine Nebenwirkungen hervorruft, die zu irgendwelchen Kosten führt (!). Aus medizinischer Sicht sei eine allgemeine Pneumokokken-Impfung nur dann zu empfehlen, wenn man das gesundheitspolitische Ziel verfolgt, die Resistenzen der Pneumokokken nicht anwachsen zu lassen. Hier gebe es jedoch derzeit keinen Handlungsbedarf, sondern die Situation solle vorerst weiter beobachtet werden, um die Datengrundlage für eine eventuelle Impfempfehlung zu verbessern (ANTONY 2005). In dem Bericht wird im Übrigen kritisiert, dass sich die STIKO bei ihrer Impfempfehlung auf Studien beruft, die für Deutschland nicht relevant sind.

In der Zeitschrift Arzneimittel-Telegramm (AT 2006) wird bemängelt, dass ein Teil der Daten, auf die sich die STIKO bei der Impfempfehlung beruft, nicht öffentlich zugänglich sind. Außerdem sei in der Vergangenheit bei der Mehrzahl der erfassten Pneumokokken-Erkrankungen in Deutschland der Serotyp überhaupt nicht bestimmt worden. Die STIKO überschätze bei ihren Veröffentlichungen den Anteil an Pneumokokken-Erkrankungen im Kindesalter, die der Impfstoff Prevenar verhindern kann.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin spricht in einem Positionspapier zum Impfen von einem "nur sehr geringen individualmedizinischen und epidemiologischen Nutzen" der Pneumokokkenimpfung und merkt an, es werde in Zeiten endlicher Ressourcen zunehmend zu einer ethisch legitimierten Frage, ob derartige Impfungen ein vertretbares Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweisen (DEGAM 2009). Niederländische Gesundheitsökonomen errechneten zumindest für den früheren 7-valenten Prevenar-Impfstoff ein fragliches Kosten-Nutzen-Verhältnis. In allen bisherigen Berechnungen sei der durch die Impfung verursachte Typenwechsel nicht berücksichtig worden (Rozenbaum 2010).

Bisher gibt es in Deutschland keine Meldepflicht für schwere Pneumokokkenerkrankungen und damit auch keine adäquate Überwachung der längerfristigen Entwicklung. Zu kontrollieren wären z.B.

  • die Dauer und Zuverlässigkeit der Immunität bei Geimpften
  • das Aufkommen neuer Pneumokokkentypen und anderer Erreger, die die durch die Impfung entstehende Lücke "füllen"
  • die Zunahme von Pneumokkeninfektionen in ungeimpften Bevölkerungsgruppen durch abnehmende Zirkulation der Erreger und dadurch nachlassende Boosterung (=immunologische Auffrischung).

Beurteilung

  • Pneumokokken sind weit verbreitete Keime, die in seltenen Fällen  schwere Infektionen wie Mittelohreiterung, Lungenentzündung oder Hirnhautentzündung verursachen.
  • Ein erhöhtes Krankheitsrisiko haben Kinder, die nie gestillt wurden,  die passiv rauchen und/oder die schon früh eine Kinderkrippe besuchen. Auch medikamentöse Fiebersenkung erhöht die Erkrankkungsgefahr. Risikokinder sind vor allem chronisch kranke Kinder und Frühgeborene.
  • Die Impfung gegen Pneumokokken ist für alle Kinder ab dem dritten Lebensmonat öffentlich empfohlen. Jenseits des Säuglings-/Kleinkindalters ist die Impfung empfohlen bei bestimmten Risikofaktoren, vor allem bei Patienten, die ohne Milz leben müssen.
  • Die Kosten des Impfprogramms sind exorbitant hoch und führen zu einer signifikanten Umverteilung von Ressourcen im Gesundheitsbereich.
  • Prevenar 13 soll gegen mehr Erregertypen wirken als Synflorix. Dies ist bisher jedoch nicht belegt und wegen der teils niedrigen Antikörper bei Geimpften auch fraglich.
  • Der Nutzen der Pneumokokken-Impfstoffe ist wegen der Vielzahl der natürlich vorkommenden Pneumokokkentypen eingeschränkt. Die Impfung begünstigt die Besiedelung und wahrscheinlich auch die Infektion mit anderen Problemkeimen (z.B. Staphylokokken).
  • Säuglinge werden einer zusätzlichen Belastung mit dem Problemstoff Aluminium ausgesetzt. Prevenar 13 enthält davon weniger als Synflorix.
  • Bei Impfwunsch ist auch die nur zweimalige Impfung nach dem ersten Geburtstag in Erwägung zu ziehen.
  • Nach den Impfstudien und den bisherigen Meldungen sind Reaktionen an der Impfstelle und Allgemeinreaktionen auffallend häufig. Auch lebensbedrohliche Nebenwirkungen und Todesfälle wurden gemeldet. Langzeitstudien und Vergleichsstudien mit Ungeimpften fehlen.
  • Die gleichzeitige Verabreichung anderer Impfstoffe halten wir für riskant. Nach der parallelen Impfung mit Sechsfachimpfstoffen wurden zahlreiche Fälle von Kindstod gemeldet.
  • Die Impfung alter Menschen ist wahrscheinlich nutzlos, aber weiterhin empfohlen.

 


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