Im Rahmen des aktuellen Berliner Masernausbruchs schien diese Erkrankung von Woche zu Woche gefährlicher zu werden: sprachen die ersten Zeitungsbericht noch von einer Sterblichkeit (eigentlich: Letalität, also „Tödlichkeit") der Masern von 1 : 1000 - 1 : 2000, war jetzt länger von 1 : 1000 zu lesen, und gestern überbot sich die Sueddeutsche Zeitung mit der Angabe eines Todesfalles auf 500 Erkrankte. Die Rechnung scheint plausibel: in Berlin gut 500 Erkrankte, 1 Todesfall, macht 1 : 500. Nur: so funktioniert guter Wissenschaftsjournalismus nicht…


So tragisch jeder einzelne Maserntodesfall (auch der des ungeimpften Berliner Kleinkindes!) ist: hier wird mit falschen Zahlen Panikmache betrieben.

Unverändert gilt: Masern sind eine Infektionskrankheit, die von der ganz überwiegenden Mehrzahl der Betroffenen völlig unproblematisch überstanden wird.
Unverändert gilt: im seltenen Einzelfall können auch ernste Komplikationen oder gar Todesfälle auftreten (vor allem bei Patienten mit Vorerkrankungen, wie dies ja offensichtlich bei dem Berliner Kleinkind der Fall war, bei dem Berliner Kinderärzte über eine schwerste Herzerkrankung berichten).

Legt man die von der Europäischen Seuchenbehörde ECDC für Europa veröffentlichten, offiziellen Zahlen der letzten Jahre zu Grunde, ergibt sich folgendes Bild:

In den Jahren 2010 bis 2013 wurden in Europa etwa 86.000 Masernfälle gemeldet (und die gehen nicht überwiegend zu Lasten der gescholtenen „impfmüden“ Deutschen), dabei gab es 39 Fälle von Hirnentzündung (Enzephalitis) und 33 Todesfälle. Mehr als die Hälfte dieser Todesfälle betrafen Roma in Bulgarien und Rumänien und ob deren Lebenssituation auch bezüglich der medizinischen Versorgung repräsentativ für europäische Verhältnisse ist, darf in Frage gestellt werden. Selbst wenn man diese Fälle jedoch berücksichtigt ergibt sich eine Sterblichkeit  der Masern von etwa 1 : 2600, ohne diese osteuropäische Epidemie von 1 : 4500. (Die genauen Quellen der hier angegebenen Zahlen kann man hier nachlesen)

Berücksichtigt man darüber hinaus, dass das Robert Koch Institut (RKI) selber der WHO gegenüber davon ausgeht, dass weniger als die Hälfte der Masernfälle (nicht: der Todesfälle) erfasst werden (Quelle hier) , wird deutlich, dass die tatsächlichen Werte mindestens noch einmal um den Faktor 0,5 korrigiert werden müssen. Damit ergibt sich eine Letalität von etwa 1 : 10.000, ein Wert, der sich interessanterweise bis 2010 auch auf der offiziellen Internetseite des RKI fand und der von dem von der SZ publizierten doch nicht unerheblich abweicht...

 

(Dieser Text wurde am 24.02.2015 bei der SZ als Leserbrief eingereicht)