In der Rubrik "Außenansicht" erschien am 09.03.2015 in der Süddeutschen Zeitung in gekürzter Form folgender Gastkommentar von Dr. Martin Hirte:

Es ist wie in einem Tollhaus: Politiker, Ärztevertreter und Medien überbieten sich gegenseitig mit ihren Forderungen nach einer Masernimpfpflicht; Berliner Eltern werden aufgerufen, mit ihren Säuglingen zu Hause zu bleiben; Berlinreisen werden storniert; die Masern grassieren in Talkshows, Sondersendungen, Gastkommentaren.  Manche private  Kinderkrippen  haben  nicht  verstanden, dass es nur um Masern geht, und verhängen gleich eine Impfpflicht für alles, vorsorglich auch für die Geschlechtserkrankung Hepatitis B.

Warum diese Panik? Masern gibt es seit Menschengedenken, und wir hatten uns doch relativ gut mit dieser Krankheit eingerichtet: Noch Anfang der 70er Jahre hatte jeder mit spätestens zehn Jahren die Masern hinter sich. Es gab daher kaum Masern bei Erwachsenen, und auch selten bei Säuglingen, die durch die hohen Antikörperspiegel ihrer Mütter geschützt waren. Die Komplikationsrate war dementsprechend niedrig.

Dennoch wurden die Hirnentzündungen und tödlichen Verläufe in der damaligen Häufigkeit von etwa 1: 10.000 zunehmend inakzeptabel. Durch die Masernimpfung ab 1972 sanken die Erkrankungsziffern nachhaltig und liegen seit 2004 bis auf wenige Ausnahmen zwischen 500 und 2000 pro Jahr. Todesfälle gibt es nur noch vereinzelt, am ehesten bei Säuglingen und Erwachsenen.

Auch die Masernimpfung kann – allerdings in sehr seltenen Fällen – zu bleibenden neurologischen Schäden und sogar zum Tod führen. Die seit 2001 gemeldeten 18 Todesfälle sind keine verlässliche Zahl, geben aber eine Ahnung davon, dass die Entscheidung zur Impfung einen gewissen inneren Ruck verlangt.

Gegenwärtig sind 97 Prozent der Grundschüler einmal und 92 Prozent zweimal gegen Masern geimpft – von Impfmüdigkeit also keine Spur. Mit Engelszungen und Aufklärung könnte innerhalb weniger Jahre das gesteckte Ziel erreicht werden, die Masern weitgehend einzudämmen, ohne Bußgelder und Zwangsimpfungen. Ich arbeite in meiner Praxis daran mit.

Klar ist aber: Mit keiner Impfstrategie wird es gelingen, die Masern auszurotten. Es gibt nämlich nicht nur Impfgegner, sondern auch Menschen, bei denen die Impfung nicht wirkt. Der Prozentsatz beider Gruppen dürfte etwa gleich hoch sein und zusammen annähernd zehn Prozent ausmachen. Selbst wenn man also 95 Prozent der Bevölkerung zweimal impft, kommen zehn Prozent jedes Jahrgangs ungeschützt ins Erwachsenenalter und können bei Masernkontakt erkranken. Es ist zudem illusorisch, in allen Ländern der Welt 95 Prozent der Bevölkerung zweimal zu impfen: Armut, Bürgerkriege und „failed states“ wird es immer geben. Reisende, Flüchtlinge oder Migranten (wie eben in Berlin) tragen das Virus dann um die Welt. Das Masernvirus ist sogar in der Lage, in einer weitgehend immunen Bevölkerung jahrelang unter- und irgendwann wieder aufzutauchen.

Wir können die Masern also höchstens eindämmen. Die Krankheit gehört zum menschlichen Schicksal genauso wie Erdbeben oder Unwetter. Die Frage ist nur: Wie weit gehen wir in unserem Sicherheitsbedürfnis, und wieviel Freiheit setzen wir dafür aufs Spiel? Heute geht es nicht mehr darum, ob die Impfung weniger Komplikationen als die Krankheit verursacht. Die Rechnung lautet: Welchen zusätzlichen Gewinn haben wir, wenn wir die Impfung verpflichtend machen, und was verlieren wir damit?

Stellen wir uns doch einmal Impfpflicht vor: Was geschieht, wenn Eltern sich trotz Bußgeld weigern, ihr Kind impfen zu lassen? Kommt dann die Polizei und reißt ihnen ein schreiendes Kleinkind aus den Armen, um dem Gesetz Genüge zu tun? Was würde das für unser demokratisches Selbstverständnis und für die Identifikation der Bürger mit unserem Staat bedeuten? Welche Widerstände würde das mobilisieren? Was sind die langfristigen Nebenwirkungen?

In Westdeutschland haben wir uns erst zwei Jahrzehnte nach dem Krieg vom Muff des Obrigkeitsstaates freigekämpft. Das Vermächtnis des Kaiserreichs mit seinem rigorosem Reichsimpfgesetz und dem Kampf gegen den „Volkstod“ hat lange fortgewirkt, ebenso das Dritte Reich mit seinen Massenimpfungen als Inszenierungen der „Volksgemeinschaft“. Noch in den 60er Jahren sprachen Politiker vom Primat des „Volkskörpers“ über den Körper des Einzelnen, und manche forderten gar, gegen Impfverweigerer müsse „eisern“ durchgegriffen werden.

Die Geschichte zeigt: Beim Impfen geht es oft nicht in erster Linie um Krankheit und Gesundheit, sondern mehr um das Aushandeln von Legitimität und Grenzen staatlicher Macht und persönlicher Freiheitsrechte. Die moderne demokratische Zivilgesellschaft setzt auf Freiheit und Selbstbestimmung, auf mündige und informierte Bürger. Dazu gehört auch die freie, informierte und individuelle Impfentscheidung, gestützt durch individuelle Beratung. Ein Fortschritt, den wir uns nicht nehmen lassen dürfen.

Doch wir müssen gar nicht die Verfassung bemühen – Würde des Menschen, körperliche Unversehrtheit, Recht auf Selbstbestimmung –, wenn es um die Akzeptanz von Impfgegnern geht. Nein, wir brauchen diese Menschen. Wir brauchen die gesellschaftliche Vielfalt, wir brauchen Diskussion, wir brauchen Nonkonformisten, den Stachel im Fleisch. Ein Impfgegner hat beispielsweise durchgesetzt, dass die Impfkommission (STIKO), die bis dahin im vordemokratischen Dunkeln arbeitete, nun ihre Protokolle veröffentlichen muss. Impfkritische Stimmen gaben de Ausschlag dafür, dass die STIKO neue Impfstoffe nicht mehr völlig unbesehen durchwinkt.

Impfskepsis ist kein böser Wille, sie kommt nicht von ungefähr. In keinem anderen Land Europas sind so viele Impfungen so früh empfohlen wie bei uns. Ein ordentliches ärztliches Beratungsgespräch ist bei dieser Fülle gar nicht mehr möglich. Impfstoffzulassungen werden im Eilverfahren erteilt, Risiken sind nicht untersucht oder werden nicht kommuniziert, die Empfehlungen werden nicht priorisiert. Der Verfassungsrechtler Rüdiger Zuck weist auf die Verfassungswidrigkeit der STIKO-Impfempfehlungen hin: eine Risiko-Nutzen-Abwägung sei weder für den Impfling noch für den Arzt möglich, der Staat verstoße deshalb mit seinen öffentlichen Impfempfehlungen gegen die ihm obliegenden grundrechtlichen Schutzpflichten.

Im Grunde muss die pharmanahe und offensichtlich überforderte STIKO aufgelöst werden, und es müsste statt dessen ein „Amt für Prävention“ eingerichtet werden, dessen Aufgabe es wäre, Impfungen professionell und ohne Einfluss der Industrie einzuschätzen und gegen andere Vorsorgemaßnahmen abzuwägen.

Impfpflicht: wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Wer Impfzwang fordert, müsste viel eher noch Zwang in anderen Bereichen fordern: Einschränkung von Autofahrten, um Krankheiten und Tod durch Feinstaubbelastung und Unfälle zu vermeiden; Verbot von Tabak und Alkohol; Zwang zum Stillen, denn das steigert die Lebenserwartung des Kindes. Wollen wir eine Gesundheitsdiktatur?

Dieselben Politiker, die eine Impfpflicht fordern, schießen soeben durch den neoliberalen Umbau des Gesundheitssystems die öffentlichen Krankenhäuser sturmreif und betreiben mit Freihandels- und Dienstleistungsabkommen den Ausverkauf an Finanzhaie und Investoren – mit absehbar verheerenden Auswirkungen auf Arbeitsbedingungen und Patientenversorgung. Keiner weiß, wie viele Opfer das fordern könnte.

Auch Ärzte sollten vorsichtig sein mit dem Ruf nach Impfpflicht. Zum einen ist das ein Offenbarungseid: Wir schaffen es nicht, Vertrauen bei unseren Patienten aufzubauen. Zum anderen sorgt unsere Zunft durch ihr Verschreibungsverhalten dafür, dass bestimmungsgemäß (!) eingenommene Medikamente zur dritthäufigsten Todesursache wurden, wie uns der dänische Gesundheitsexperte Peter C. Gøtzsche vorrechnet.

Aber zurück zum Impfen: Eltern müssen sich nach dem Willen der Bundesregierung künftig von einem Arzt beraten lassen, bevor sie ihr Kind in eine KiTa geben. Warum eigentlich erst dann? Impfbeginn ist doch laut STIKO die neunte Lebenswoche! Und warum werden die Eltern verpflichtet und nicht der Arzt? Ein ausführliches individuelles Impfgespräch mit den Eltern sollte für Ärzte obligatorisch sein, aber auch angemessen vergütet werden. Bisher können Ärzte Impfberatung nur abrechnen, wenn sie dann auch gleich impfen - als ob für ein Nachdenken keine Zeit wäre. Leben wir denn in einem Notstandsgebiet?

Es ließe sich vieles besser machen. Aber nicht mit einer Impfpflicht.