Das Frühjahr bringt uns (neben vielem Anderen) auch regelmäßig die "Europäische Impfwoche" und diese - genauso regelmäßig - die Forderung nach einer Impfpflicht; diesmal war es die Kassenärztliche Vereinigung in Hessen, die die ritualisierten Beschwörungsformeln für das Erwecken dieses gesundheitspolitischen Wiedergängers sprach ... (Ärzteblatt 2017).

Denn obwohl sich sowohl der vorige (Dr. Jan Leidl), als auch der aktuelle Vorsitzende der STIKO (Prof. Thomas Mertens) klar gegen eine Impfpflicht aussprachen und aussprechen, findet sich die Forderung nach einer Impfpflicht mit uhrwerkmäßiger Regelmäßigkeit in den Reden meist fachfremder Politiker oder ärztlicher Verbandsfunktionäre. Und wenn nicht eine komplette Impfpflicht (wie die CDU sie vor zwei Jahren auf ihrem Parteitag als Forderung beschloss), dann doch bitte zumindest die gegen Masern...

Nun gibt es in der EU, deren Länder alle die Masernimpfung in den staatlichen Impfprogrammen verankert haben, durchaus Länder, in denen eine Masernimpfpflicht besteht: es sind dies Bulgarien, Tschechien, Ungarn, Lettland, Polen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien.

Vergleicht man jetzt die durchschnittlichen Durchimpfungsraten der Länder mit Impfpflicht mit denen der Länder ohne und dann mit denen Deutschlands, zeigt sich folgendes Bild:

 

 

Hier fällt auf:

  • Bezüglich der ersten Masernimpfung besteht zwischen den Ländern mit und denen ohne Impfpflicht in den letzten Jahren ein nur sehr geringer Unterschied.

  • Die Impfquoten in Deutschland für die erste Masernimpfung liegen seit Jahren deutlich über dem Durchschnitt der Länder mit einer Impfpflicht.

  • Bezüglich der zweiten Masernimpfung ist der Unterschied zwischen den Ländern mit und ohne Impfpflicht größer.

  • Auch hier liegt Deutschland jedoch deutlich über dem europäischen Durchschnitt und nahe an den Ländern, die eine Masern-Impfpflicht eingeführt haben - der Unterschied zu diesen beträgt 2015 gerade einmal 1,1%

 

Vergleicht man in einem zweiten Schritt die Häufigkeit der Masernerkrankung zeigt sich das folgende Bild, das sich jetzt nicht unbedingt für eine Werbebroschüre für Impfpflicht aufdrängt:

 

 

 

 

  • Der 2010er-Durchschnittswert der Länder mit Impfpflicht beträgt übrigens 372 - eine maßstabsgerechte Darstellung war hier nicht sinnvoll möglich.

  • Die diesem Wert zu Grunde liegende Epidemie mit über 20.000 erfassten Fällen trat in Bulgarien und damit in einem Land auf, dass eine Masern-Impfpflicht schon Jahrzehnten vor dieser Epidemie eingeführt hatte.

  • Die von der WHO für Bulgarien angegebenen Durchimpfungsraten für die erste Masernimpfung lagen 2009 und 2010 bei 96%, für die zweite Masernimpfung 2009 bei 93% und 2010 bei 96%.

 

Zusammengefasst

  • werden in Deutschland ohne Impfpflicht seit Jahren stabil sehr hohe Durchimpfungsraten für die erste Masernimpfung erreicht

  • widerlegt dies den Vorwurf, ein relevanter Anteil der Bevölkerung müsse per Impfpflicht zum Impfen gezwungen werden - 97% der Deutschen halten die Masernimpfung offensichtlich für wichtig und setzen diese um

  • spiegeln die niedrigeren Durchimpfungsraten für die zweite Masernimpfung genau wie die ungleichmäßige soziale und regionale Verteilung der Durchimpfung somit nicht eine Ablehnung der Masernimpfung per se wider

  • ist der PR-Schwerpunkt, den die deutsche Impfpromotion seit Jahren auf die zeitnahe zweite Masernimpfung legt, weder im internationalen Vergleich (die meisten europäischen Nachbarländer empfehlen die zweite Masernimpfung deutlich später, teilweise erst zur Pubertät hin) noch medizinisch belegbar: unverändert haben über 90% der im zweiten Lebensjahr Geimpften nach der ersten Impfung einen ausreichenden, anhaltenden Schutz - dieser wird durch die zweite Impfung nur um zwei bis maximal 4% verbessert (s. hier).

  • kommt der Durchimpfungsrate mit der zweiten Masernimpfung daher epidemiologisch eine deutlich untergeordnete Bedeutung zu: die meisten Patienten sind auch ohne diese ausreichend geschützt

  • wäre eine Titerkontrolle nach der ersten Masernimpfung mit nachfolgend gezielter Auffang- (nicht: Auffrisch-) Impfung der maximal 8% (!) Ungeschützten die ohnehin sinnvollere Strategie: sie würde, ganz ohne grundrechtsproblematische Zwangsmaßnahmen, die Bevölkerungsimpfimmunität entscheidend verbessern.

 

Literatur

Ärzteblatt online vom 26.04.2017. Abruf 27.04.2017

ECDC. Surveillance Atlas of Infectious Diseases. Abruf 27.04.2017