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Für alle Kinder ab dem zweiten Lebensjahr ist die Impfung gegen Meningokokken C empfohlen.

Lesen Sie hier, was Sie über Erreger, Krankheit und Impfung wissen müssen.

Die Krankheit

Meningokokken gehören zu den häufigsten Erregern einer bakteriellen Hirnhautentzündung oder einer Blutvergiftung (Sepsis). Die Meningokokkenkrankheit beginnt – manchmal im Anschluss an eine scheinbar harmlose „Erkältung“ oder „Magen-Darm-Grippe“ - plötzlich mit Schüttelfrost, hohem Fieber, Erbrechen, Kopfschmerzen und schnell schlechter werdendem Allgemeinzustand. Säuglinge bekommen eine gespannte Fontanelle, ältere Kinder eine Nackensteifigkeit – sie können bei angewinkelten Beinen mit dem Mund die Knie nicht mehr erreichen („Kniekuss“).

Neurologische Symptome wie Schläfrigkeit, Krampfanfälle oder Koma treten im weiteren Verlauf hinzu. Typisch, aber nicht immer vorhanden sind punktförmige oder flächige Blutungen auf der Haut oder auch auf der Augenbindehaut und Mundschleimhaut: Rot-violette Flecken, die bei Druck nicht blass werden.

Die Diagnose wird gesichert durch den Erregernachweis in Blut und Rückenmarksflüssigkeit. Die Therapie besteht aus möglichst umgehender intravenöser Behandlung mit einem Breitbandantibiotikum über meist eine Woche.

Es gibt zwölf Meningokokkengruppen mit jeweils unterschiedlichen Antigen-Eigenschaften. Am häufigsten sind die Meningokokken A, B und C, in manchen Ländern auch der Typ Y.

 

Übertragung:

Meningokokken werden durch Tröpfcheninfektion übertragen. Da sie außerhalb des Körpers rasch absterben, ist zur Übertragung enger Kontakt notwendig. Die Inkubationszeit beträgt 2 bis höchstens 10 Tage. Personen, die mit einem Erkrankten in Kontakt waren, müssen über diese Zeit sorgfältig beobachtet und bei Krankheitssymptomen sofort einem Arzt vorgestellt werden.

Besteht die Möglichkeit, dass sie in den letzten zehn Tagen mit dem infektiösen Speichel des Erkrankten Kontakt hatten, so ist eine antibiotische Prophylaxe empfohlen (Details s. EB 2005). Dies gilt für alle Haushaltsmitglieder, enge Freunde, Spielkameraden, Intimpartner, unmittelbare Banknachbarn in der Schule, direkte Bettnachbarn in der Kaserne, Kinder aus der gleichen Kindergartengruppe etc. Ein zufälliger Kontakt etwa auf dem Pausenhof oder im Schwimmbad ist nicht hinreichend nicht zur Keimübertragung.

Da im Umfeld von Meningokokkenerkrankungen bis zu einem Jahr nach dem Kontakt das Krankheitsrisiko erhöht ist, ist seit Juli 2009 für enge Kontaktpersonen zusätzlich die einmalige Meningokokkenimpfung empfohlen.


Risikogruppen:

Ein erhöhtes Krankheitsrisiko haben Kinder in den ersten fünf Lebensjahren, und Patienten mit Störungen des Immunsystems. Auch bei Jugendlichen gibt es eine leichte Risikoerhöhung, begünstigt wahrscheinlich durch die Risikofaktoren Zigarettenrauch (auch Passivrauchen) und Alkoholgenuss. Ein gewisser Risikofaktor ist auch die vorausgegangene Behandlung mit fiebersenkenden Mitteln oder Antibiotika (BAKER 2000, EB 2003, CORYN-VAN-SPAEDONCK 1999).

Raucht die Mutter, haben ihre Kinder bis in die Jugend hinein ein bis zu siebenfach erhöhtes Krankheitsrisiko; 37 Prozent aller Erkrankungsfälle konnten in einer Studie mit mütterlichem Zigarettenkonsum in Verbindung gebracht werden (STANWELL-SMITH 1004, FISCHER 1997).

Muttermilchernährung über mehr als drei Monate dagegen bietet einen deutlichen Schutzeffekt vor einer Infektion (MOODLEY 1999, MCCALL 2004).


Die Krankheitslast:

In Deutschland werden jährlich 400 bis 500, in der Schweiz und Österreich 50 bis 80 Erkrankungen gemeldet. Die Häufigkeit liegt deutlich unter 1 : 100 000 Einwohner. In allen drei Ländern gehen die Fallzahlen seit Jahren zurück, von 2004 bis 2014 um etwa die Hälfte.Die meisten Erkrankungen ereignen sich in den ersten beiden Lebensjahren. Verantwortlich sind vor allem die Gruppen B (60 - 70%) und C (18 - 24%). Meist treten nur einzelne, „sporadische“ Erkrankungsfälle auf, gelegentlich kommt es auch zu lokal begrenzten Krankheitshäufungen. In der Mehrzahl kommt es durch antibiotische Behandlung zu völliger Ausheilung.

Vergleichsweise viele Erkrankungen (bis zu 3/100.000 Einwohner pro Jahr) gibt es in Großbritannien, Norwegen, Dänemark und Irland. In bestimmten Gegenden Afrikas – zwischen Sahara und Äquator, von Senegal bis Äthiopien („Meningitis-Gürtel“) – erkranken bis zu 100/100.000 Einwohnern. In den letzten Jahren konnte dies durch ein umfangreiches Impfprogram deutlich reduziert werden.

Meningokokken-Erkrankungen verlaufen in 8 - 9% der Fälle tödlich und führen in etwa dem gleichen Prozentsatz zu bleibenden Schäden – bei Erwachsenen häufiger, bei Kindern seltener. 2002 wurden in Deutschland 66 Todesfälle gemeldet, 2005 44 Fälle, 2007 37 Fälle (EB 2003, 2005, 2008). 

Die Gruppe C zeigte schon vor der Einführung der Impfung in allen Altersgruppen abnehmende Tendenz (2003: 0,26 2004: 0,20, 2005: 0,15 und 2007: 0,13 Fälle unter 100000 Einwohnern; EB 2008). Bei Kindern unter sechs Jahren gab es 2003 67 Fälle, 2004 46 Fälle, 2005 27 Fälle. Bei ein- bis vierjährigen Kindern wurde 2005 nur ein Todesfall durch Meningokokken C gesichert (NRZM 2006). 2007 waren bei unter 15jährigen drei Todesfälle durch Meningokokken C zu beklagen - bei 15 Todesfällen insgesamt durch diesen Erregertyp (EB 2008).

 

Die Impfung

Die Impfempfehlung

Die Impfung gegen Meningokokken C ist für alle Kinder ab dem 1. Geburtstag als Standardimpfung empfohlen. Eine fehlende Impfung soll bis zum 18. Lebensjahr nachgeholt werden. Österreich und die Schweiz raten außerdem zur Auffrischung ab dem Alter von 11 Jahren (in Österreich soll dazu der Impfstoff Menveo® gegen vier Meningokokkengruppen verwendet werden; er ist dort im Gegensatz zu den Meningokokken-C-Impfstoffen gratis).

Die Impfung gegen Meningokokken B ist bisher nur in Österreich und zwei ostdeutschen Bundesländern empfohlen - gewissermaßen als Feldstudie, denn eine klinische Wirksamkeit und eine akzeptable Wirkdauer wurden in der Zulassungstudie des Herstellers nicht belegt, es wurde nur ein relativ flüchtiger Anstieg der Antikörper nachgewiesen.

Die STIKO empfiehlt des Weiteren eine Meningokokken-Impfung für folgenden Personenkreis  - im Allgemeinen mit einem Impfstoff gegen mehrere Meningokokkengruppen:

 

Impfstoffe

Impfstoffe gegen einzelne Erregergruppen (alle enthalten Aluminiumhydroxid):

Impfstoffe gegen mehrere Meningokokkengruppen (alle ohne Zusatz von Aluminiumhydroxid):

 

Wirksamkeit

Die Impfstoffe schützen zunächts mehr als 90% der Geimpften vor einer Erkrankung mit den entsprechenden Erregergruppen. Ein deutlicher Effekt des Impfprogramms ließ sich jedoch bisher nur für Länder wie Großbritannien oder Spanien belegen, in denen der Anteil an Meningokokken C sehr hoch ist. In England kam es in den Jahren nach Einführung der Impfung gegen Meningokokken C zu einem Rückgang der Meningokokken-Erkrankungen um fast 40%, der Meningokokken-C-Erkrankungen um über 90%. Durch die „Herdenimmunität“ gingen auch bei Ungeimpften die Krankheitsfälle um über 50% zurück. Es nehmen allerdings Erkrankungen durch andere Meningokokken-Gruppen zu. 

Längerfristig ist der Nutzen der Impfung fraglich, da der Impfschutz bei Kleinkindern rasch nachlässt und bereits nach einem Jahr unsicher ist. Bereits nach ein bis zwei Jahren sind kaum noch schützende Antikörper nachzuweisen (SNAPE 2005). Die schnell absinkenden Antikörper sind im Fall einer Infektion dann nicht mehr in der Lage, die überfallartige Infektion mit Meningokokken zu stoppen (SPOULOU 2007). Selbst in den sonst so impffreudigen USA ist die Impfung im ersten Lebensjahrzehnt bisher nur in Ausnahmefällen empfohlen. Sie sei zu kurz wirksam und zu teuer (MMWR 2008). Eine Impfempfehlung gibt es dort für 11- und 12jährige. Auch bei ihnen hält der Impfschutz allerdings nur wenige Jahre.

Es ist auch zu befürchten, dass die in den Impfstoffen nicht berücksichtigten Meningokokken-Gruppen die entstandene Lücke wieder auffüllen, oder dass die C-Meningokokken ihre Kapsel ändern, so genanntes "capsule switching" (SWARTLEY 1997, AT 2001, Diggle 2005). Da das Immunsystem der jeweiligen Bevölkerung mit diesen "neuen" Erregern weniger vertraut ist, könnte die Häufigkeit und Schwere von Meningokokken-Erkrankungen dadurch überproportional ansteigen. In Deutschland und der Schweiz kommt es seit Einführung der Meningokokken-C-Impfung vermehrt zu Erkrankungen durch Meningokokken der Gruppe Y.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin spricht in einem Positionspapier zum Impfen von einem "nur sehr geringen individualmedizinischen und epidemiologischen Nutzen" der Meningokokken-C-Impfung. In Zeiten endlicher Ressourcen werde es zunehmend zu einer ethisch legitimierten Frage, ob derartige Impfungen ein vertretbares Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweisen (DEGAM 2009). Angesichts der immensen Kosten des Impfprogramms müsse darüber nachgedacht werden, ob die begrenzten Ressourcen des Gesundheitssystems nicht sinnvoller genutzt werden können, etwa zur Propagierung des Stillens oder zur Raucherprävention - beides würde wahrscheinlich mehr zur Reduzierung schwerer Meningokokken-Erkrankungen und anderer schwerer Infefktionskrankheiten beitragen.

 

Nebenwirkungen

Meningokokken-Impfstoffe gehören zu den schlechter verträglichen Impfstoffen. Zu den häufigen Nebenwirkungen zählen Lokalreaktionen, fieberhafte Allgemeinreaktionen, Verdauungsstörungen, Schlafstörungen und Irritabilität. Selten kommt es zu allergischen Reaktionen, Krampfanfällen, Enzephalitis, Herzmuskelentzündungen und Lähmungserkrankungen.

In Deutschland wurden etliche neurologische Impffolgen wie Gangstörungen, Muskelschwäche, Lähmungserkrankungen (Hirnnervenlähmung, Guillain-Barré-Syndrom) und Krampfanfälle gemeldet, außerdem sechs Todesfälle, die im Zusammenhang mit der Impfung stehen könnten.

Über die Nebenwirkungen des Meningokokken B-Impfstoffs ist noch wenig bekannt. In der ZUlassungsstudie wurden häufig starke Schmerzen an der Einstichstelle und allgemeine Krankheitssymptome beobachtet.

Bei ihrer Entscheidungsfindung müssen sich die Eltern die Frage stellen, wie sinnvoll es ist, ihr Kind vor einem äußerst geringen Krankheitsrisiko mit einer Maßnahme schützen zu wollen, deren Wirkdauer kurz ist und die selber nicht frei von Risiken ist.

 

Zusammenfassung

 

Literatur