Das Deutsche Krebsforschungszentrum war an der Entwicklung der HPV-Impfstoffe beteiligt und profitiert von deren kommerziellen Erfolg. Nun begleitet es wissenschaftlich ein Modellprojekt zur Steigerung der Impfquote an hessischen Schulen.

 

Mit geschätzten 35 bis 40 Prozent ist die Beteiligung junger Mädchen an der HPV-Impfung in Deutschland niedrig. Ursachen sind 1.) der nach wie vor ausstehende Beleg für die Verhinderung von Gebärmutterhalskrebs und 2.) die zunehmend bekannt werdenden Nebenwirkungen, darunter die chronische Schmerzstörung (Kinoshita, Brinth, Kopp Online, TV2DK), schwere allergische Reaktionen (Brotherton), thrombotische Komplikationen (Slade) und die Beschleunigung des Ausbruchs von Autoimmunerkrankungen (Langer-Gould).

Aus Sicht der Arzneimittelüberwachung war der Senkrechtstart der HPV-Impfstoffe ohnehin ein Schreckensszenario: „Das Risiko der Schädigung vieler Menschen ist besonders hoch, wenn die Phase der zahlenmäßig begrenzten Erprobung direkt und ohne systematische Nachmarktkontrolle in die massenhafte Anwendung umschlägt.“ (Arznei-telegramm). Und eine Nachmarktkontrolle ist Fehlanzeige; vom Chef der STIKO selbst stammt die Aussage: „Eine regelrechte Begleitforschung nach den Studien zur Sicherheit der Impfung im Rahmen des Zulassungsverfahrens ist mir im Zusammenhang mit der HPV-Impfung nicht bekannt“ (Leidel).

Um dennoch die Impfquote zu steigern, läuft nun ein Modellprojekt an sechs hessischen Grundschulen an. Im Schuljahr 2015/16 werden die Eltern zu Informationsabenden eingeladen und können dann ihre Kinder an zwei sogenannten Impftagen in der Schule impfen lassen (Deutsches Ärzteblatt). Die Initiatoren sprechen zwar von einem „Angebot“, ganz offensichtlich soll aber über die sozialen Kontakte in der Schule Druck auf Eltern und Schülerinnen ausgeübt werden.

Das Projekt hat noch ein weiteres ungutes „Gschmäckli“: Das Modellprojekt wird vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) wissenschaftlich begleitet, das großes kommerzielles Interesse am Erfolg der HPV-Impfstoffe hat. Die Gruppe um Harald zur Hausen am DKFZ hatte seit den 1990er Jahren an der Entwicklung eines HPV-Impfstoffs gearbeitet und die Lizenz für die Forschungsergebnisse im Zuge der „unternehmerischen Forschung“ an die amerikanische Biotech-Firma Medimmune verkauft, die sie später an GlaxoSmithKline weitergab. Wie es danach weiterging, schildert die "Stabsstelle Technologietransfer" des DKFZ so: „Nach zähem Verhandeln setzte die Stabsstelle Technologietransfer durch, dass das DKFZ als Miteigentümer an dem Patent anerkannt wurde und damit an den Rückflüssen aus den Umsätzen von Merck & Co. und GlaxoSmithKline Inc. beteiligt wird. Somit werden Forscher, Forschungseinrichtungen, die Industrie und vor allem die Patienten an dem Erfolg des Impfstoffs teilhaben“ (BioPro).

Schade, dass eine öffentliche Einrichtung wie das DKFZ auf diese Weise seine Seriosität verspielt hat. Der Rückzug aus dem Schulprojekt wäre ein Zeichen des Anstands.

 

Referenzen:

Arznei-telegramm: 1997 und 2007 im Vergleich – die umsatzstärksten Arzneimittel. a-t 2008, 39: 65-66

BioPro: Impfstoff zur Prävention von Gebärmutterhalskrebs. 17.9.2006

Brinth LS, Theibel AC; Pors K, Mehlsen J: Suspected side effects to the quadrivalent human papilloma vaccine. Dan Med J 2015a, 62(4): A5064

Brotherton JM, Gold MS, Kempf AS et al.: Anaphylaxis following quadrivalent human papillomavirus vaccination. CMAJ 2008, 179 (6): 525–533

Deutsches Ärzteblatt: Modellprojekt: HPV-Impfung an sechs hessischen Grundschulen. 20.7.2015

Kinoshita T, Abe RT, Hineno A, Tsunekawa K, Nakane S, Ikeda S: Peripheral sympathetic nerve dysfunction in adolescent Japanese girls following immunization with the human papillomavirus vaccine. Intern Med 2014, 53(19): 2185-200

Kopp Online: Dänische Fernseh-Dokumentation zeigt verbreitete Schädigungen durch den HPV-Impfstoff. 3.7.2015

Langer-Gould A, Qian L, Tartof SY, Brara SM et al: Vaccines and the risk of multiple sclerosis and other central nervous system demyelinating diseases. JAMA Neurol 2014, 71(12): 1506-1513

Leidel J: Schreiben vom 23. Febr. 2009 an den Landtag von Nordrhein-Westfalen.

Slade BA, Leidel L, Vellozzi C, Woo EJ, Hua W: Postlicensure safety surveillance for quadrivalent human papillomavirus recombinant vaccine. JAMA 2009, 302(7): 750-7

TV2 Dänemark: De vaccinerede piger. 8. Mai 2015