Alle Jahre wieder flammt in Deutschland die Diskussion über die Einführung einer Impfpflicht auf - derzeit ausgelöst durch eine Häufung von Masernfällen in Bayern und Berlin, davor zuletzt im Herbst 2011 festgemacht an tragischen Verläufen von Spätfolgen einer Maserninfektion, die, medienwirksam präsentiert, für eine weitere Moralisierung einer ohnehin polarisierten und emotionalisierten Diskussion instrumentalisiert werden.

Zur aktuellen Situation
Speziell Eltern von Kindern im ersten Lebensjahr stehen unter einem starken Druck, den sog. offiziellen Impfempfehlungen Folge zu leisten. Sie sehen sich einer zunehmenden Anzahl von „empfohlenen“ Impfungen gegenüber und werden von professioneller und von offizieller Seite in der Regel nicht ergebnisoffen informiert. Führt eine differenzierte Auseinandersetzung einzelner Eltern zu einer Ablehnung von bestimmten Impfungen für ihr Kind, so kommt es vor, dass die beteiligten Ärzte eine weitere Behandlung generell ablehnen.

Die in Deutschland empfohlenen Schutzimpfungen werden seit langer Zeit von vielen beteiligten Seiten in hohem Maße emotional und polarisierend diskutiert. Das macht eine sach- und erkenntnisorientierte Auseinandersetzung mit diesem Thema nahezu unmöglich. Die Diskussion gipfelte in den Beschlüssen eines der letzten Deutschen Ärztetage, die den Eltern die Entscheidungsfreiheit über Schutzimpfungen nehmen und ÄrztInnen und Ärzten die differenzierte Impfaufklärung verbieten wollen: Impfpflicht und das Verbot impfkritischer Äußerungen ärztlicherseits waren zentrale Forderungen des Ärztetages an die Politik.

Als „Ärzte für Individuelle Impfentscheidung e.V.“ sind wir keine Impfgegner. Impfungen können einen Schutz vor bedrohlichen Erkrankungen vermitteln, ihr Einsatz hat weltweit zu einem besseren Gesundheitsstatus vieler Menschen beigetragen. Impfstoffe können jedoch – wie alle Arzneimittel – auch schwere unerwünschte Wirkungen hervorrufen, im Einzelfall mit bleibender Beeinträchtigung der Gesundheit. Neben bleibenden Beeinträchtigungen ist zudem vielfach unklar, welche Langzeitwirkungen Impfungen überhaupt auf die Entwicklung der menschlichen Gesundheit haben.

Abwägen zwischen Krankheitsrisiko und Impf-Eingriff
Als präventive, am Gesunden vorgenommene Maßnahmen greifen Impfungen in die körperliche Unversehrtheit des Menschen ein und müssen daher besonders hohen Sicherheitsansprüchen genügen. Es ist für jeden Menschen abzuwägen zwischen den Risiken der jeweiligen Erkrankung und dem mit der Impfung verbundenen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit. Die gilt insbesondere auch für Kinder hinsichtlich ihrer immunologischen und neurologischen Reifung. Eine Entscheidung setzt eine umfassende Kenntnis der kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen von Impfstoffen und Impfprogrammen voraus.

Mit Sorge beobachten wir, dass die Mehrzahl der wissenschaftlichen Studien über die Impfstoffsicherheit von Impfstoffherstellern (mit) veröffentlicht werden. Untersuchungen über langfristige Impfauswirkungen und die Nachhaltigkeit von Impfprogrammen fehlen weiterhin fast vollständig.

Impf-Empfehlung oder Impf-Pflicht?
Die „Empfehlungen der Ständigen Impfkommission“ (STIKO) verstehen wir tatsächlich als Empfehlungen. Ihre zunehmende Interpretation als „medizinischer Standard“, „Impfvorschrift“ bzw. als Grundlage einer möglichen Impfpflicht lehnen wir ab. Voraussetzung jedweder Glaubwürdigkeit der STIKO ist die Unabhängigkeit jedes einzelnen Mitgliedes von Unternehmen der Pharmaindustrie. Jede Form der finanziellen oder sonstigen Verflechtung konterkariert Sinn, Aufgabe und Autorität dieser Institution!

Die aktuell geforderte Impfpflicht missachtet die Verantwortlichkeit des Einzelnen. Sie ignoriert das Ausmaß unserer Unkenntnis gegenüber den immunologischen und epidemiologischen Auswirkungen von Schutzimpfungen und Impfprogrammen genauso wie die Tatsache, dass die nationalen Impfempfehlungen allein in Europa deutlich voneinander abweichen. Vor allem aber steht eine Impfpflicht – ohne legitimierende Notsituation – im Widerspruch zu unserem Recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit.

Wir fordern daher:

- den Erhalt der freien individuellen Impfentscheidung nach differenzierter, umfassender und ergebnisoffener ärztlicher Beratung. Nur von den Betroffenen bzw. Eltern des Kindes kann eine Entscheidung dieser Tragweite getroffen werden.
- umfassende und unabhängige Untersuchungen zu Sicherheit, Auswirkungen und Nachhaltigkeit von Schutzimpfungen und Impfprogrammen. Erst dadurch kann die notwendige Grundlage für eine Diskussion über Nutzen und Risiken von Impfungen geschaffen werden
- eine freie, öffentliche und vorurteilsfreie Diskussion dieser Erkenntnisse. Nur diese kann zu einer Impfempfehlung durch eine – von Interessenkonflikten freie – STIKO führen

Diese Forderungen sind auch Inhalt des Wuppertaler Manifestes, das der Verein "Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V." im Herbst 2010 auf der ersten Konferenz für differenzierte Impfentscheidung in Wuppertal formulierte und das Sie hier finden können.

 Dr. med. Stefan Schmidt-Troschke, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin

Dr. med. Steffen Rabe, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin

 für den Verein "Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V."