Mit der Einführung der Windpockenimpfung betrat die Ständige Impfkommission erstmals Neuland in mehrfacher Hinsicht:

Zum einen wurden erstmals offen ökonomische Argumente für eine Impfung in’s Feld geführt, indem die Kosten einer flächendeckenden Impfung gegen den Produktivitätsausfall durch ihre windpockenkranken Kinder pflegenden Eltern aufgerechnet wurden (Wutzler 2002).

Zum zweiten kam es erstmals bei der Einführung einer Impfung zu flächendeckender Kritik auch aus den Reihen niedergelassener Haus- und Kinderärzte, die die geänderte Einschätzung dieser Kinderkrankheit als plötzlich komplikationsträchtig für sonst normal gesunde Kinder aus ihrer Praxis heraus nicht nachvollziehen konnten (Blöß 2004). Auch die die Impfempfehlung maßgeblich stützende Studie geriet unter Druck, da sie sich erstens als vom Impfstoffhersteller finanziert herausstellte und zweitens in der Fachpresse wegen völlig unzureichender Studienqualität massiv kritisiert wurde (at 2004).

Schon früh wurden Befürchtungen laut, dass die der ökonomischen Argumentation zu Grunde liegende einmalige Varizellenimpfung wegen ihrer unbekannten Schutzdauer kaum ausreichen werde und Auffrischimpfungen erforderlich würden (Lee 2004). Darüber hinaus berge, so die Prognose unabhängiger Fachleute, die allgemeine Impfungempfehlung die Gefahr, dass das Erkrankungsalter vom komplikationsarmen Vorschul- und Schulalter verschoben werde hin zu Säuglingen und vor allem zu Jugendlichen und Erwachsenen – ein Effekt, den wir auch bei anderen Impfkampagnen wie der Mumpsimpfung kennen. Gerade Jungendliche und Erwachsene tragen aber bei der Windpockenimpfung ein ungleich höheres Komplikationsrisiko, so ist etwa die Sterblichkeit Erwachsener an Windpocken im Mittel fünfundzwanzig Mal höher als die von Vorschulkindern (Chaves 2007).

Beide Befürchtungen haben sich jetzt in einer aktuellen amerikanischen Untersuchung, die im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, bestätigt: die Schutzdauer der einmaligen Windpockenimpfung ist so kurz, dass mittlerweile bei den wieder vermehrt zu beobachtenden Krankheitsausbrüchen in den USA mehrheitlich Geimpfte erkranken. Als Konsequenz dieser Entwicklung wird dort mittlerweile die routinemäßige Zweitimpfung empfohlen, was die Kosten des Impfprogramms verdoppelt und die suggerierten ökonomischen Vorteile der Impfung zunichte macht. Wie lange dann der Impfschutz dieser zweiten Impfung anhält, ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig offen. Ebenfalls ungeklärt ist die Frage, was dieser unzureichende Langzeitschutz für windpockengeimpfte Schwangere bedeutet – inwieweit es hier mittelfristig zu einer Zunahme der Varizellenfetopathie kommen wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden.

Auch die befürchtete Zunahme erwachsener Windpockenpatienten und der damit verbundenen schweren Komplikationen ist mittlerweile nachgewiesen (Chaves 2007). Nicht bewiesen werden konnte hingegen bis jetzt, dass die Windpockenimpfung tatsächlich z. B. die Zahl der Patienten verringere, die wegen Windpockenkomplikationen einer stationären Behandlung im Krankenhaus bedürfen (Galil 2002, Ratner 2002, Seward 2002).

Unverändert befürchten namhafte Epidemiologen auch der Europäischen Union durch den Wegfall der Wildwindpocken mittelfristig eine dramatische Zunahme an Herpes zoster-Fällen (Gürtelrose) (Eurosurveillance 2005) – pessimistische Prognosen gehen hier davon aus, dass bis zu 50% der bei Einführung der Impfung Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen davon betroffen sein könnten (Brisson 2002, Thomas 2002, Goldman 2004).

Berücksichtig man vor diesem Hintergrund, dass die im Kindesalter durchlebten Windpocken mit einer Reihe positiver Effekte für das spätere Leben verbunden sind (so verringert sich dadurch das Risiko an Diabetes mellitus (ESPED 1998), Knochen- und Hirntumoren (Wrensch 1997) und evtl auch an anderen Krebsarten zu erkranken (Albonico 1998)), bleiben hinter der Sinnhaftigkeit dieser generellen Impfempfehlung zahlreiche Fragezeichen.

Zusammengefasst  hat diese von vielen Fachleuten nicht nachvollziehbare allgemeine Impfung gegen eine der komplikationsärmsten Kinderkrankheiten die in sie gesetzten Erwartungen keineswegs erfüllt, die mit ihr verbundenen Befürchtungen jedoch auf ganzer Linie bestätigt.

 

Literatur:

  • Albonico, H. U. Med Hypotheses 1998, 51(4): 315–320
  • arznei-telegramm 2004, 35; 80-81
  • arznei-telegramm 2004; 35, 92-93
  • Blöß, T. Dt. Ärzteblatt 101, 45: A-2996
  • Brisson, M. Vaccine 20 (2002) 2500-2507
  • Chaves, S. NEJM 356 (2007):1121-1129
  • ESPED Jahresbericht 1998 http://www.esped.uni-duesseldorf.de/
  • Eurosurveillance http://www.eurosurveillance.org/em/v10n01/1001-222.asp
  • Goldman, GS. Vaccine 2004
  • Lee, BR. The Journal of Infectious Diseases 2004; 190:477–83
  • Galil, K: Pediatr. Infect. Dis. J 2002; 21:931-4
  • Galil, K: N. Engl. J. Med. 2002; 347:1909-15
  • Ratner, A: Pediatr Infect. Dis. J. 2002; 21: 927-30
  • Seward, J. :JAMA 2002; 287: 606-11
  • Thomas, s. Lancet. 2002 Aug 31;360(9334):678-82
  • Wrensch, M. Am J Epidemiol 1997, 145(7):594-7
  • Wutzler, P. Dt. Ärzteblatt 99, 15: A-1024