Schon 6 Jahre nach Inkrafttreten der entsprechenden gesetzlichen Verpflichtung veröffentlicht das Paul Ehrlich Institut seit einigen Tagen eine Datenbank mit allen in Deutschland gemeldeten Impfnebenwirkungen (www.pei.de/db-verdachtsfaelle ). Postwendend werden diese Daten in Zeitungsartikeln, wie am 09.05.07 in der Sueddeutschen Zeitung, (fehl)interpretiert.

Lesen Sie hier einen Leserbrief von Dr. Steffen Rabe an die SZ. 

Es ist über die Maßen zu begrüßen, dass das Paul Ehrlich Institut (PEI) 6 Jahre nach Inkrafttreten des neuen Infektionsschutzgesetzes (IFSG) seiner dort verankerten Verpflichtung nachkommt, die in Deutschland gemeldeten unerwünschten Arzneiwirkungen nach Impfungen zu veröffentlichen, wie dies jetzt in einer Datenbank auf der Internetzseite des PEI geschieht. Die in dem diesbezüglichen Artikel von Markus Schulte von Drach gezogenen Schlussfolgerungen aus den vorliegenden Daten sind so jedoch unhaltbar und werden auch vom PEI selbst nicht geteilt.

Nebenwirkungen nach Schutzimpfungen werden in Deutschland nicht systematisch erfasst – es obliegt dem betreffenden Arzt, ob er eine nach einer Schutzimpfung auftretende Gesundheitsstörung erstens dieser Impfung zuordnet und zweitens dann meldet. Auch die seit 2001 im IFSG verankerte Meldepflicht änderte nach Angaben des PEI nichts an dieser völlig unzureichenden Erfassung von Impfnebenwirkungen, Experten gehen von einer Untererfassung um den Faktor 5 – 10 aus, d. h. nur ca. jede fünfte bis zehnte der tatsächlich auftretenden Nebenwirkungen wird den zuständigen Stellen gemeldet. In einem ersten Résumée kommen Autoren des PEI 2004 nach 4 Jahren Meldepflicht zu dem Ergebnis „Das vorhandene System [...] ist grundsätzlich nicht in der Lage, [...] Aussagen zur Häufigkeit des Auftretens von Komplikationen nach Impfung zu treffen. [...] Die Meldedaten können also nicht die Frage beantworten, ob Impfungen oder bestimmte Impfstoffe „sicher“ sind [...]“ (Keller-Stanislawski 2004). Nur die Kenntnis dieser Rahmenbedingungen lässt einen verantwortungsvollen Umgang mit den jetzt veröffentlichten Daten zu. Die von Schulte von Drach im Untertitel seines Artikels gezogene und im Text wiederholte Schlussfolgerung „Nebenwirkungen sind selten“ muss daher überraschen, da sich an der Qualität der Daten seit 2004 nichts geändert hat.

Die vom Autor ebenfalls aufgeführte Anerkennung von Gesundheitsstörungen als Impfnebenwirkung ist ebenfalls ohne Hintergrundinformation nicht verständlich: so muss man wissen, dass die WHO-Kriterien für eine gesicherte Arzneinebenwirkung voraussetzen, dass diese erstens bereits vorher bekannt, zweitens nach unserem Kenntnisstand plausibel und drittens erklärbar sein müsse – eine Herangehensweise an Beobachtungen, die sich so in anderen Zweigen der Naturwissenschaft (wie z. B. der Quantenphysik) kaum wieder finden dürfte.

Es zeigt sich einmal mehr, dass in der unzweifelhaft notwendigen Veröffentlichung von Rohdaten immer Risiken der Fehlinterpretation liegen – dem zitierten Wunsch einer PEI-Mitarbeiterin, die Veröffentlichung möge die Diskussion über das Thema der Impfnebenwirkungen versachlichen, wird der vorliegende SZ-Artikel wie gezeigt werden konnte leider in keiner Weise gerecht.