Ein neuer Impfstoff gegen Meningokokken der Gruppe B (Men B - Handelsname Bexsero®) ist in Europa mittlerweile zugelassen, wird aber von der STIKO unverändert nicht allgemein empfohlen (RKI 2015).

Die Zulassungsstudien, in denen Kinder im Alter von 2, 4 und 6 Monaten geimpft wurden, zeigten zwar eine Antikörperbildung bei 84 - 100% der Geimpften, die Antikörperspiegel hielten jedoch (wie bei der Men C-Impfung) nicht lange vor (das RKI spricht von einer "deutlichen Abnahme" des Anteils geimpfter Säuglinge und Kleinkindern mit schützenden Antikörpern schon innerhalb der ersten 12 - 28 Monate, RKI 2014), so dass die anzunehmende Dauer einer eventuellen Schutzwirkung nur kurz sei (RKI 2014). Den wissenschaftlichen Nachweis einer Reduktion von Erkrankungsfällen gibt es für die Impfung - wie auch für die in Deutschland empfohlene Men C-Impfung - ohnehin nicht.

Ebenso wie in Deutschland sind Meningokokken B auch in England für ca. drei Viertel der Meningokokkenerkrankungen verantwortlich. Initial postulierten die britischen Experten im günstigsten Falle eine Reduktion der Erkrankungsfälle bei flächendeckender Impfung um ca. ein Viertel, was weitgehend unabhängig vom Preis des Impfstoffes eine Kosteneffektivität ausschließe (JVCI 2013). Mittlerweile kam es in England zu einer Reevaluation der MenB-Impfung, in deren Verlauf die bisherigen Rechenmodelle (und auch vor allem der Preis des Impfstoffs seitens des Herstellers!) so lange verändert wurden, bis nach Ansicht der JVCI eine Kosteneffektivität für englische Verhältnisse wohl gegeben wäre (JVCI 2014) - wohlgemerkt nur diese denn: "The Commitee noted the lack of evidence on vaccine efficacy, since the vaccine had not yet been evaluated in an efficacy trial" (JVCI 2014), was ja schlicht heißt: es gibt unverändert keinen wissenschaftlichen Beweis für die Wirksamkeit des Impfstoffs. (Wäre man böswillig, könnte man dem JVCI-Papier entnehmen: er ist jetzt aber billig genug, um ihn trotzdem zu empfehlen - wobei die Besorgnis wegen der schlechten Verträglichkeit sich auch in diesem Protokoll findet. Und es ist sicher reiner Zufall, dass der Vorsitz des Expertentreffens, auf dem dieser Beschluss gefällt wurde, vor der Beschäftigung mit dem Men B-Thema noch einmal ausdrücklich und ausführlich auf die Notwendigkeit hingewiesen hat, dass eventuelle Interessenskonflikte von Komitee-Mitgliedern unbedingt aufgezeigt werden müssten...) (JVCI 2014). 

Die STIKO weist im Epidemiologischen Bulletin darauf hin, dass "wichtige Daten zur altersspezifischen Stammabdeckung des Impfstoffs, insbesondere bei Säuglingen, zur Persistenz der schützenden Antikörper [und] zur Sicherheit des Impfstoffs" (RKI 2013) noch fehlten. Auch zweifelt man offenbar an der Umsetzbarkeit einer weiteren Mehrdosisimpfung im ersten Lebensjahr, die die dann dritte Injektion im Rahmen eines Impftermines bedeutete.

Da innerhalb der Meningokokkengruppe B nochmals verschiedene Stämme unterschieden werden und zu Bedeutung dieser Untertypen aktuelle Daten fehlen, kann nur aus älteren Untersuchungen geschätzt werden, dass der Impfstoff von den in Deutschland relevanten Meningokokken B-Typen ca. 80% durch den Impfstoff abgedeckt würden - das bedeutet aber, dass auch von den Meningokokken B mindestens ein Fünftel der Fälle durch die Impfung nicht erfasst werden könnte.

Auch die STIKO geht bei flächendeckender Impfung der (besonders gefährdeten) Säuglinge von einer nur begrenzten Reduktion der Erkrankungsfälle in einer Spanne von deutlich weniger als 20% bis max. 45% (bei günstigsten Bedingungen) aus (RKI 2014). Auch eine kanadische Studie aus dem Jahr 2014 kommt zu dem Ergebnis, dass - und dies ist ja zunehmend ein Argument im Zusammenhang mit der Einführung neuer Impfungen - zumindest für die untersuchte Region Ontario die MenB-Impfung aller Wahrscheinlichkeit nach nicht kosteneffektiv sei (Tu 2014).

Die Sicherheit und Verträglichkeit der Impfung ist nach jetzigem, sehr vorläufigen Kenntnisstand weniger als suboptimal: die STIKO selbst schreibt, dass "insbesondere starke Schmerzen an der Einstichstelle ... häufiger nach Bexsero® ... als nach Standardimpfungen ... berichtet [wurden]". Auch "Reizbarkeit, ungewöhnliches Weinen, Schläfrigkeit, Erbrechen und Durchfall [wurden] beobachtet, meist häufiger als nach Standardimpfungen allein."  Gerade die (dann ja notwendige) Kombination von Sechsfachimpfung, Pneumokokkenimpfung und MenB-Impfung scheint deutlich schlechter verträglich zu sein als die jeweiligen Komponenten für sich betrachtet. Beunruhigender sind jedoch mehrere Fallberichte einer autoimmunologischen Gefäßentzündung, des so genannten Kawasaki-Syndroms, das, da es vor allem auch die Herzkranzgefäße betrifft, lebensbedrohlich sein kann (RKI 2013).

Auch bei einer nochmaligen Neubewertung der Studienlage im September 2014 spricht die STIKO unverändert von "erheblichen Unsicherheiten und fehlenden Daten" und spricht dezidiert keine allgemeine Impfempfehlung aus (RKI 2014).

Und auch beim dritten Anlauf des Impfstoffs, eine allgemeine Impfempfehlung zu erhalten, wird die Latte gerissen: Im August 2015 sieht die STIKO von dieser Impfempfehlung ab, empfiehlt die Impfung nur für Risikogruppen - ein in der Geschichte der STIKO einmaliger Vorgang... . Auch dass die STIKO ein eigenes Epidemiologisches Bulletin herausgibt, um zu begründen, warum sie diese Impfung immer noch für zu fragwürdig hält, um sie allgemein zu empfehlen, ist in dieser Form beispiellos. Wie schon bei der Einführung der Meningokokken C-Impfung im Jahre 2006 liegen zum Zeitpunkt der Zulassung "keine Daten zur Wirksamkeit von Bexsero® gegen klinische Endpunkte vor." (RKI 2015) Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass letztendlich unbekannt ist, ob dieser Impfstoff tatsächlich dazu führt, dass Geimpfte seltener an Meningokokken B-Infektionen erkranken - nachgewiesen ist nur die Bildung bestimmter Antikörper gegen diese Bakterien, von denen wir uns diesen Effekt erhoffen. Und die von der STIKO ausgesprochene Empfehlung der Men B-Impfung für Risikogruppen steht auf noch tönerneren Füßen: hier ist nicht einmal diese Antikörperbildung sicher nachgewiesen: "Es stehen keine Daten zur Immunogenität bei Personen mit chronischen Krankheiten oder Immundefekten/-suppression zur Verfügung." (RKI 2015)

 

Literatur:

JVCI. Interim Position Statement. July 2013. Abruf 13.11.2013

JVCI. Minute of the meeting on Tuesday 11 and Wednesday 12 February 2014 -Draft. London: 2014

 
 
 

 

 

 

RKI. Epidemiologisches Bulletin 2013, Nr. 49. Abruf 13.12.2013

RKI. Epidemiologisches Bulletin 2014, Nr. 36. Abruf 25.09.2014

RKI Epidemiologisches Bulletin 2015, Nr. 37. Abruf 02.12.2015

Tu HA. Vaccine. 2014 Sep 22;32(42):5436-46. doi: 10.1016/j.vaccine.2014.07.096.